Erster Vortrag
Aber nun sehen wir die Sache einmal geisteswissenschaftlich an, da wird Ihnen erst die ganze Geschichte in ihrer Bedeutung vor Augen treten. Wenn wir geisteswissenschaftlich ausgehen von den Anschauungen, von den Erfahrungen, die man darüber gewinnen kann in der spirituellen Welt, dann begreift man auf der einen Seite, daß ohne die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen diese blendende Behauptung zustande kommen kann, von der ich eben gesprochen habe, daß sie auch eigentlich für jeden, der nicht Geisteswissenschafter werden will, gelten muß, gerade wenn er gut philosophisch geschult ist; das sieht man auf der einen Seite ein. Auf der andern Seite sieht man aber folgendes, man sieht es einfach, indem man die Dinge in der Welt betrachtet: Wenn man mit geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen den Menschen mit dem Tiere vergleicht, dann zeigt sich, daß der Mensch zwar den Dingen der Welt gegenübertritt in einzelnen Beobachtungen und sich dann abstrakte Begriffe bildet durch allerlei Denkoperationen, in denen er zusammenfaßt, was er vereinzelt sieht. Man kann auch zugeben, daß das Tier diese Abstraktion nicht hat, daß das Tier diese Tätigkeit der Abstraktion nicht ausübt. Aber das Kuriose ist, daß die abstrakten Begriffe dem Tiere nicht fehlen, daß das Tier mit seiner Seele gerade in den allerabstraktesten Begriffen lebt, die wir Menschen uns mühevoll bilden, und daß das Tier die einzelne Anschauung nicht so hat wie wir. Was wir voraushaben, ist gerade, daß wir einen viel freieren Gebrauch der Sinne, eine ganz bestimmte Art von Zusammenwirken von Sinnen und inneren Emotionen und Willensimpulsen haben. Das haben wir vor dem Tier voraus. Aber die Sicherheit des Instinktes, welche die Tiere haben, die beruht gerade darauf, daß das Tier von vornherein mit solchen abstrakten Begriffen lebt, die wir uns erst bilden müssen. Worin wir uns von dem Tier u nterscheiden, das ist, daß sich unsere Sinne emanzipieren und freier werden im Gebrauch nach der Außenwelt zu, und daß wir auch in unsere Sinne den Willen hineingießen können, den das Tier nicht hineingießen kann. Aber das, was wir Menschen nicht haben, sondern uns erst erwerben müssen, die abstrakten Begriffe, die hat gerade das Tier, so sonderbar es einem erscheinen mag. Gewiß, es hat jedes Tier nur ein bestimmtes Gebiet, aber auf diesem Gebiete hat das Tier solche abstrakten Begriffe, so sonderbar es einem erscheinen mag. Der Mensch ist darauf angewiesen, einen, zwei, drei Hunde zu sehen; er bildet sich daraus den abstrakten Begriff «Hund». Das Tier hat auf diesem Gebiete, und zwar ganz genau, denselben abstrakten Begriff «Hund», den wir haben, es braucht sich ihn nicht zu bilden. Wir müssen uns ihn erst bilden, das Tier braucht das nicht. Aber das Tier hat nicht die Fähigkeit, den einen Hund von dem andern genau zu unterscheiden, genau zu individualisieren durch die Sinneswahrnehmungen.
Cite:
GA 188/1919-01-03/p015 · edition original