Erster Vortrag
In dieser Beziehung ist sogar eine sehr tief eingreifende Umwandlung in den menschlichen Vorstellungen notwendig. Denn über allerlei naturwissenschaftliche Begriffe, die heute schon populär geworden sind, haben sich ja die Menschen unterrichtet. Entweder haben sie sie in einer gewissen Schule, durch direkten Unterricht lernen können, oder sie haben sich unterrichtet durch jenes Abwaschwasser — ich wollte sagen durch jene Zeitungslektüre -, womit heute die naturwissenschaftlichen Vorstellungen in alle Welt hinausströmen. Aber die Menschen sind beherrscht von diesen naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Mit Bezug auf das, was ich Ihnen eben angedeutet habe, da sind die Menschen ganz tief beherrscht von einem, fast könnte man sagen, instinktiven Hang zu glauben, daß das Tier wirklich in der Umgebung dasselbe sieht wie der Mensch. Wenn er mit seinem Hunde spazieren geht, so hat er den instinktiven Glauben, daß der Hund die Welt so sieht, wie er sie sieht, daß er ebenso das Gras farbig, den Weizen gefärbt, die Steine gefärbt sieht, wie er selber. Und dann hat er, wenn er einigermaßen denken kann, auch noch den Glauben: er selber kann abstrahieren und hat daher abstrakte Begriffe, sein Hund aber abstrahiert nicht und so weiter. Und dennoch ist es nicht so. Dieser Hund, der neben uns geht, lebt geradeso in den abstrakten Begriffen wie wir. Ja, er lebt sogar intensiver darinnen als wir. Er braucht sie auch gar nicht zu erwerben, sondern er lebt vom Anfange an intensiv darinnen. Aber die äußere Anschauung hat er nicht so, die gibt ihm ein ganz anderes Bild. Sie brauchen nur aufmerksam zu sein auf gewisse Beobachtungen, die man im Leben machen kann. Allerdings, man nimmt die Dinge nicht immer ernst genug. Ich könnte Ihnen eine ganze Anzahl von Beispielen anführen, aus denen Ihnen hervorgehen würde, wie der Mensch rein instinktiv in dieser Richtung verkehrt denkt. Zum Beispiel ging ich einmal, es war in Zürich, glaube ich, von einem Vortrag, der an einem Zweigabend gehalten worden war, auf die Straße. Da wartete ein Kutscher, und das Pferd wollte nicht recht gehen, machte Miene, ein bißchen zu scheuen. Da sagte der Kutscher: Das fürchtet sich vor seinem Schatten. - Er sah natürlich den Schatten des Pferdes, den die Laterne auf die Wand warf, und deshalb setzte er voraus, daß das Pferd ganz genau ebenso diesen Schatten sehe wie er. Er hatte natürlich keine Ahnung davon, was, wenn ich sagen darf, in der Seele des Pferdes und was in seiner Seele vorgeht. Er sieht den Schatten des Pferdes, aber das Pferd hat ein lebendiges Gefühl vom Sein in jenem Raumteil des Ätherleibes, wo sich der Schatten bildet. Das ist ein ganz anderer Vorgang, in bezug auf die innere Anschauung ein ganz anderer Vorgang.
Cite:
GA 188/1919-01-03/p017 · edition original