Erster Vortrag
Nehmen Sie das Auge. Es ist den Naturwissenschaftern durchaus bekannt, daß Augen niederer Tiere Organe in sich haben, zum Beispiel den Fächer oder den Schwertfortsatz, welche bluterfüllt sind, welche lebendig einen Zusammenhang zwischen dem Augeninneren und der ganzen Organisation herstellen, während das menschliche Auge diese Organisation nicht hat, sondern viel selbständiger ist. Dieses Selbständigerwerden der Sinne, dieses Emanzipieren der Sinne von der Gesamtorganisation, das ist etwas, was erst beim Menschen eintritt. Dadurch aber ist beim Menschen die ganze Welt der Sinne viel mehr im Zusammenhang mit dem Willen als beim Tier. Ich habe das einmal morphologisch anders ausgedrückt. Ich habe Sie von einem andern Gesichtspunkte aus auf dieselbe Sache aufmerksam gemacht, indem ich sagte: Wenn Sie den dreigliedrigen Organismus nehmen, Extremitätenorgane, Brust, Kopf, so ist das, wenn ich schematisch zeichne, beim Tier so: dies der Kopforganismus (Zeichnung links,S.32), dies der Brustorganismus, dies der Extremitätenorganismus. Der Kopf steht unmittelbar über der Erde. Die Erde ist unter dem Kopforganismus — natürlich approximativ, aber dem Wesen nach - bei allen Tieren. Das Rückgrat steht senkrecht auf der Erdachse oder dem Erdradius. Beim Menschen ist es so, daß sein Kopf auf seinem eigenen Brustorganismus und Extremitätenorganismus steht. Beim Menschen ist der Brustorganismus so unter dem Hauptesorganismus, wie beim Tier die Erde unter dem Hauptesorganismus ist. Der Mensch steht mit dem Kopf auf seiner eigenen Erde. Dadurch ist beim Tiere eine Auseinanderhaltung vorhanden zwischen dem Willensorganismus, namentlich dem Extremitätenorganismus, den rückwärtigen Extremitäten, und dem Haupte. Beim Menschen ist unmittelbar der Wille, der Willensorganismus in den Kopforganismus eingeschaltet und das Ganze im Erdradius. Dadurch werden die Sinne gewissermaßen durchflossen von dem Willen, und das ist das Charakteristische beim Menschen. Dadurch unterscheidet er sich in Wirklichkeit von dem Tiere, daß die Sinne von dem Willen durchflossen werden. Beim Tiere werden die Sinne nicht vom Willen, sondern von einem tieferen Elemente durchflossen; daher auch der innigere Zusammenhang der Organisation der Sinne mit dem Gesamtorganismus. Der Mensch lebt viel mehr in der Außenwelt, das Tier lebt viel mehr in seiner eigenen inneren Welt. Indem der Mensch sich seiner sinnlichen Werkzeuge bedient, lebt er viel mehr in der Außenwelt.
Cite:
GA 188/1919-01-03/p024 · edition original