Erster Vortrag
Es ist schon eine gewisse Intensität des Vorstellens notwendig, wenn man heute wissen will, was eigentlich im Werdegang der Zeit, in den zeitlichen Notwendigkeiten den Menschen vorgezeichnet ist. Da muß man schon sehr, sehr tief hineinschürfen in das Weltenwerden, da muß man es auch nicht scheuen, sich durch geisteswissenschaftliche Begriffe vorzubereiten für die schwierigeren und die Wirklichkeit tragenden Begriffe. Denn natürlich, wenn einer so etwas, wie ich es heute gesagt habe, das erste Mal hört, wird er sagen: Das ist ja die reine Verrücktheit! — Das ist begreiflich. Aber man könnte sich auch vorstellen, daß jemand sehr vieles von dem, was die «Gescheiten» seit Jahren gemacht haben, als eine große Verrücktheit ansieht, und er könnte sehr große Mehrheiten für verrückt halten; dann aber könnte er auch begreiflich finden, warum diese sehr großen Mehrheiten ihn, als einen Abweichenden, für verrückt halten. Denn in einer Gesellschaft von Verrückten wird gewöhnlich nicht der Verrückte, sondern der Gescheite für verrückt gehalten.
Cite:
GA 188/1919-01-03/p031 · edition original