Erster Vortrag
Also man versucht zu erforschen, warum sich gewisse Tiere fürchten. Das braucht man nicht zu erforschen. Das Fürchten ist nämlich eine ganz generelle, allgemeine Eigenschaft der Tiere. Wenn sich manche Tiere nicht fürchten, so beruht das gerade auf Abrichten und Gewöhnen in irgendeiner Weise. Das Fürchten ist dem "Tiere ganz eigen aus dem Grunde, weil das Tier in hohem Maße die Fähigkeit der Abstraktion hat, die abstrakten Begriffe. In denen lebt das Tier. Die Welt, die Sie sich erwerben, wenn Sie lange studieren, wenn Sie lange abstrahiert haben, das ist die Welt, in der das Tier lebt; und die Welt, in welcher der Mensch hier auf der Erde durch seine Sinne lebt, die ist dem Tier, trotzdem das Tier Sinne hat, viel unbekannter als dem Menschen, und vor dem Unbekannten fürchtet man sich. Das ist durchaus einer tiefen Wahrheit entsprechend. Das Tier sieht ängstlich in die Welt. Das hat eine gewisse Tragweite. Ich habe es neulich ausgesprochen in einem Aufsatz, den ich über das Ahrimanische und Luziferische im Menschenleben im letzten Hefte der Zeitschrift «Das Reich» geschrieben habe: Die Menschen fürchten sich vor dem geistigen Leben. — Wie kommt es denn, daß sie so in Furcht hineinkommen? Es kommt davon her, daß sie jetzt an den Hüter der Schwelle heran müssen im Unterbewußtsein. Da stehen sie vor dieser Entscheidung, von der ich gesprochen habe. Da kommen sie dem Tiere näher. Das Tier hat Furcht. Durch die Furchtregion gehen die Tiere durch. So sind die Zusammenhänge. Und der Furchtzustand wird immer größer und größer werden, wenn die Menschen sich nicht ernstlich bemühen werden, diejenige Welt, die an sie herantreten muß, die spirituelle Welt, wirklich kennenzulernen, wirklich in sich aufzunehmen.
Cite:
GA 188/1919-01-03/p033 · edition original