Fünfter Vortrag
Wir haben gestern versucht, wiederum von einer gewissen Seite her in die soziale Bewegung der Gegenwart einzudringen. Und was gestern den Gegenstand unserer Betrachtung bildete, war, daß man gerade in der Gegenwart, um überhaupt eine Bewegung innerhalb der Menschheit zu verstehen, sorgfältig darauf sehen muß, was bei Menschen, die in einer solchen Bewegung drinnenstehen, und auch bei den übrigen Zeitgenossen dieser Menschen einerseits an der Oberfläche der Seele im gewöhnlichen Bewußtsein vorgeht, und dem, was andererseits unten in der Tiefe der Seele, in den unterbewußten Regionen vorgeht. Und da haben wir drei Impulse der modernen proletarischen Bewegung ins Auge gefaßt. Wir haben ins Auge gefaßt zunächst die sogenannte materialistische Geschichtsauffassung. Dann haben wir uns angesehen dasjenige, was der Proletarier von seinen Führern gelernt hat. Was er versteht unter der Klassenkampf-Bewegung, die allem geschichtlichen Geschehen zugrunde liegen soll; und dann haben wir unser Augenmerk auf dasjenige gerichtet, was so tief einschneidend in die Proletarierseelen gewirkt hat; wir haben unser Augenmerk gewendet auf die sogenannte Mehrwerttheorie. Und wir haben gesehen, das sind die Dinge, die an der Oberfläche des Seelenlebens des modernen Proletariers liegen. In den Tiefen unten wühlt und west etwas ganz anderes. Während sich der moderne Proletarier täuscht dadurch, daß er sich sagt: alles geschichtliche Werden ist nur eine Spiegelung der rein wirtschaftlichen Vorgänge, die alles geistige Leben wie einen Rauch nach der Oberfläche schickt, lechzt eigentlich der Proletarier mit der ganzen modernen Menschheit nach einer gewissen geistigen Erkenntnis der Welt. Aber er weiß noch nichts davon, daß eigentlich die unterbewußten Tiefen seiner Seele nach geistiger Erkenntnis lechzen. Gerade das, was so in den unterbewußten Regionen des Seelenlebens vorgeht und sich an der Oberfläche maskiert durch etwas ganz anderes, das rumort dann oftmals in den allerwildesten Instinkten. Ebenso weiß der moderne Proletarier, wenn er das Wort Klassenkampf ausspricht, nicht, daß er dadurch nur zu maskieren versucht, was wiederum die Seelentiefen der modernen Menschheit wie eine tiefe Sehnsucht erfüllt: der Impuls nach Gedankenfreiheit. In sein Gegenteil verkehrt sich auf dem Wege vom Unterbewußten bis zum Bewußten das Streben nach Gedankenfreiheit. Das alleralleräußerste Leben in Autoritativem, dem Miterleben des bloßen Klassenbewußtseins, das hat zu seinem Untergrunde eigentlich das Streben nach Gedankenfreiheit. Und der wirkliche Sozialismus, nach dem unsere Zeit strebt in ihren Tiefen, der drückt sich eigentlich aus in dem, was im Grunde eine Art Gegenteil des Sozialismus ist, in dem Streben, egoistisch allen Mehrwert einzuheimsen.
Cite:
GA 189/1919-03-02/p003 · edition original