Fünfter Vortrag

GA 189/1919-03-02/p011 ·1919-03-02 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Was ist denn Johann Gottlieb Fichte für eine Persönlichkeit? Fichte ist einer der charakteristischsten Denker der neueren Zeit. Er ist gewissermaßen der Mann, der das Denken, das sich ja, wie wir wissen, auch entwickelt hat, das nicht immer das gleiche war — lesen Sie das nach in meinen «Rätseln der Philosophie» —, der das Denken in der energischsten Weise und in seiner reinsten Gestaltung ausgebildet hat. Gerade an einer solchen Persönlichkeit wie Fichte kann man sehen, wozu das Denken wird, wenn der Mensch dieses Denken ganz nur aus sich, aus dem Ich heraus schöpfen will. Und wendet man dann dieses reine Denken, so wie es ist, auf die soziale Struktur an, dann kommt das Bild heraus, das Fichte im «Geschlossenen Handelsstaat» gegeben hat. Nur derjenige kommt dieser Sache bei, der sich sagt: solch ein Denken wie das Fichtesche ist gar nicht geeignet, die soziale Struktur zu finden. Das ganz nur aus dem Impulse des Ich heraus schöpfende Denken ist nicht in der Lage, die soziale Struktur zu finden, so wie der einzelne Mensch nicht die Sprache erfinden kann; sondern es kann die soziale Struktur nur gefunden werden, wenn man erst die Menschen in ein solches Verhältnis bringt, daß sie im gegenseitigen Verkehr und in ihrem Zusammenhange diese soziale Struktur finden. Man muß gewissermaßen halt machen vor gewissen Dingen, die sich auf die soziale Struktur beziehen, und muß den Weg nur so weit verfolgen, daß man zeigt: Seht ihr, so müssen die Menschen zueinander stehen, wenn in ihrem Zusammenwirken der soziale Organismus sich verwirklichen will. Das ist wirklichkeitsgemäßes Denken, das ist erfahrungsgemäßes Denken. Fichtes Denken ist aus dem reinen Ich herausgeborenes Denken. Und aus dem reinen Ich herausgeborenes Denken, wenn auch in etwas anderer Form, ist schließlich auch das bolschewistische Denken. Es ist im Grunde genommen gerade deshalb antisozial, weil es nur aus den Offenbarungen des Ich heraus geboren ist. Denn es ist ja diese Form gerade nicht im menschlichen Gemeinschaftsleben entstanden. Das Gemeinschaftsleben des Proletariats hat diese Form auf Autorität hin angenommen. Das Maßgebende sind die einzelnen Führer. Das ist es, worauf es ankommt.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/189/1919-03-02/p011.json
Cite: GA 189/1919-03-02/p011 · edition original