{"corpus":"steiner","locus":"GA 18a/band_ii_06_moderne_idealistische_weltanschauungen/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Dieses Schließen von einer Reihe von Thatsachen auf eine Reihe anderer, die nicht in einer Beobachtung gegeben sind, unterscheidet Fechner von derjenigen naturwissenschaftlichen Denkweise, die sich an die Namen Darwin und Haeckel knüpft. Da aber, wo Fechner den Boden solcher Schlüsse nicht betritt, bei der Untersuchung des Zusammenhanges der äußeren materiellen Einwirkungen auf den Menschen und den entsprechenden, durch diese Einwirkungen hervorgerufenen geistigen Vorgängen in der Menschenseele, steht Fechner ganz auf dem Boden der genannten Naturforscher. Er ist es gewesen, der für dieses Gebiet die wissenschaftlichen Methoden geschaffen hat. Seine „Elemente der Psychophysik“ (1860) sind auf diesem Felde das grundlegende Werk. Das Grundgesetz, auf dem die Psychophysik ruht, ist, daß die Empfindungszunahme, die im Menschen durch einen wachsenden Eindruck von außen bewirkt wird, in einem bestimmten Verhältnisse langsamer erfolgt als der Stärkezuwachs des Eindruckes. Die Empfindung wächst um so weniger, je größer die bereits vorhandene Stärke des Reizes war. Von diesem Gedanken ausgehend ist es möglich, ein Maßverhältnis zwischen dem äußeren Reiz (z. B. der physischen Lichtstärke) und der Empfindung (z. B. der Lichtempfindung) zu gewinnen. Das Beschreiten des von Fechner eingeschlagenen Weges hat zum Ausbau der Psychophysik, als einer ganz neuen Wissenschaft von dem Verhältnis der Reize zu den Empfindungen, also des Körperlichen zu dem Seelischen, geführt. *Wilhelm Wundt*, der auf diesem Gebiete in Fechners Geist weiter gearbeitet hat, charakterisiert den Begründer „der Psychophysik“ in ausgezeichneter Weise: „Vielleicht in keiner seiner sonstigen wissenschaftlichen Leistungen tritt die seltene Vereinigung von Gaben, über die Fechner verfügte, so glänzend hervor, wie in seinen psychophysischen Arbeiten. Zu einem Werke, wie den Elementen der Psychophysik, bedurfte es einer Vertrautheit mit den Prinzipien exakter physikalisch-mathematischer Methodik, und zugleich einer Neigung, in die tiefsten Probleme des Seins sich zu vertiefen, wie in dieser Vereinigung nur er sie besaß. Und dazu brauchte er jene Ursprünglichkeit des Denkens, welche die überkommenen Hilfsmittel frei nach eigenen Bedürfnissen umzugestalten wußte, und kein Bedenken trug, neue und ungewohnte Wege einzuschlagen. Die um ihrer genialen Einfachheit halber bewundernswerten, aber doch nur beschränkten Beobachtungen E. H. Webers, die vereinzelten, oft mehr zufällig, als planmäßig gefundenen Versuchsweisen und Ergebnisse anderer Physiologen — sie bildeten das bescheidene Material, aus dem er eine neue Wissenschaft aufbaute.“ Wichtige Aufschlüsse über die Wechselwirkungen von Leib und Seele ergaben sich durch die von Fechner angeregte experimentelle Methode auf diesem Gebiete. Wundt charakterisiert die neue Wissenschaft in seinen „Vorlesungen über Menschen- und Tierseele“ (1863): „Ich werde in den nachfolgenden Untersuchungen zeigen, daß das Experiment in der Psychologie das Hauptmittel ist, das uns von den Thatsachen des Bewußtseins auf jene Vorgänge hinleitet, die im dunklen Hintergrunde der Seele das bewußte Leben vorbereiten. Die Selbstbeobachtung liefert uns, wie die Beobachtung überhaupt, nur die zusammengesetzte Erscheinung. In dem Experiment erst entkleiden wir die Erscheinung aller der zufälligen Umstände, an die sie in der Natur gebunden ist. Durch das Experiment erzeugen wir die Erscheinung künstlich aus den Bedingungen heraus, die wir in der Hand halten. Wir verändern diese Bedingungen und verändern dadurch in meßbarer Weise auch die Erscheinung. So leitet uns immer und überall erst das Experiment zu den Naturgesetzen, weil wir nur im Experiment gleichzeitig die Ursachen und die Erfolge zu überschauen vermögen.“ Zweifellos ist es nur ein Grenzgebiet der Psychologie, auf dem das Experiment fruchtbar ist, eben dieses, wo die bewußten Vorgänge hinüberführen in die nicht mehr bewußten, ins Materielle leitenden Hintergründe des Seelenlebens. Die eigentlichen Seelenerscheinungen sind ja doch nur durch die rein geistige Beobachtung zu gewinnen. Dennoch hat der Satz E. *Kraepelins*, eines hervorragenden Psychophysikers volle Berechtigung, daß „die junge Wissenschaft . . . dauernd ihren selbständigen Platz neben den übrigen Zweigen der Naturwissenschaft und insonderheit der Physiologie zu behaupten imstande sein wird“. (Psychologische Arbeiten, herausgegeben von E. Kraepelin, 1. Band, 1. Heft, S. 4). —","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Moderne idealistische Weltanschauungen","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":616,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/18a/band_ii_06_moderne_idealistische_weltanschauungen/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/18a/band_ii_06_moderne_idealistische_weltanschauungen/p009"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"locus":"GA 18a/volume_ii_modern_idealistic_worldviews/p009","anchor_mapped":true,"anchor_method":"curated","anchor_confidence":"high","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/18a/volume_ii_modern_idealistic_worldviews/p009"}]}