Antisocial Impulses and the Threefold Social Organism
Nun ist es natürlich in der geschichtlichen Entwickelung tief, ganz tief begründet, daß das heute so ist mit den antisozialen Trieben. Denn die Menschen entwickeln sich ja seit der Mitte des 15.Jahrhunderts im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Die Menschen sollen nach und nach auf die Grundlage des individuellen Bewußtseins sich stellen. Sie können also zu einem sozialen Leben auch nur auf eine andere Art gelangen als in früheren Zeitaltern, wo noch die Gruppeninstinkte, die Gruppen-Iche eine viel größere Rolle spielten, als sie heute spielen. Daher sehen wir überall heute in dem gesellschaftlichen Leben der Menschen Diskrepanzen. Wir sehen merkwürdiges Nichtzusammenstimmen. Der Mensch hat immer etwas in sich irgendwo in den Untergründen seiner Seele, durch das er alles, was in irgendeiner Zeit sich offenbaren kann, versteht. Nur ist er gewöhnlich mit seinem Kopfverständnis, mit seinem Verstande, nicht weit genug. Da kann dann die merkwürdige Erscheinung eintreten - die gerade von denjenigen beobachtet werden sollte, die sich einer geisteswissenschaftlichen Bewegung anschließen -, daß gerade diejenigen, die zuviel gelernt haben in irgendeiner Richtung, zurückbleiben in der Entwickelung. Wir erleben das heute in ausreichendstem Maße. Wir würden heute in bezug auf das Verständnis des sozial Notwendigen viel raschere Fortschritte machen können, wenn nicht die Massen von denjenigen zurückgehalten würden, die von dem Alten zuviel gelernt haben, die zuviel in alten Begriffen leben, die zu starrköpfig sich angepaßt haben den alten Begriffen. Im Ganzen kann man sagen, daß heute die breite Masse des Proletariats für die fortgeschrittensten Impulse ganz gewiß Verständnis haben würde, wenn sie nicht zurückgehalten würde von jener Führerschaft, welche seit Jahrzehnten sich eingepaßt hat in ganz bestimmte starre Begriffe, und nun nicht weiterkann. Das Zurückgehaltenwerden der Menschen durch diejenigen, die zuviel gelernt haben, gerade zuviel gelernt haben von demjenigen, was man im 19. Jahrhundert lernen konnte, das ist etwas sehr Bedeutsames für das psychologische Verständnis unserer Zeit. Man wird deshalb nur langsam und allmählich etwas einsehen können, was aber ganz intensiv notwendig ist einzusehen.
Cite:
GA 190/1919-03-21/p005 · edition original