Vierter Vortrag
Viel besser als das Substantivum ist schon das Adjektivum. Viel konkreter ist es, wenn ich sage: Wer fleißig ist —, als wenn ich einfach sage: Der Fleißige. - Aber «der Fleißige» ist schon wiederum viel konkreter, als wenn ich gar das furchtbare Gespenst - der Tote empfindet es nämlich als ein furchtbares Gespenst - «der Fleiß» zitiere. Wenn Sie sagen: das Wie, das Was - Goethe prägt einmal den schönen Satz: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie -, dann ist das für den Toten deshalb eine lebendige Sprache, weil Sie selbst genötigt sind, indem Sie substantivisch solche Worte gebrauchen wie Was und Wie, konkret zu fühlen. Wenn Sie heute sagen: Ich stehe aus Prinzip auf einem gewissen Standpunkte —, dann haben Sie für den Toten zwei Gespenster zitiert, erst das «Prinzip», denn kaum ein Mensch denkt sich heute bei Prinzip etwas Konkretes, zweitens: «Standpunkt.» Dieses Gespenst «StandPunkt» ist ja in unserer Sprache und in allen westeuropäischen Sprachen schon so korrumpiert, daß man, wenn einer spricht, meistens schon das Allerwichtigste wegläßt. Sogar die Setzer korrigieren einen manchmal! Wenn ich in einem Manuskript schreibe: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht -, dann korrigiert der Setzer das «aus» zumeist heraus, und man muß es in der Korrektur wieder einsetzen; denn die Leute haben sich gewöhnt, den Unsinn zu sagen: Wenn man von einem Standpunkte etwas sieht. - Man kann, wenn man konkret spricht, nur sagen: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht dadurch wird eine Konkretheit hineingelegt. Aber wenn man von einem Standpunkte etwas sieht — da ist höchstens für den, der konkret spricht, die Vorstellung möglich, sich vorzustellen, daß man von dem Punkt etwas sieht, worauf der steht: ein Stückchen von dem Punkt. Na, ein Stückchen von dem Punkt ist schon an sich schwer vorzustellen, nicht wahr?
Cite:
GA 190/1919-03-28/p014 · edition original