Vierter Vortrag
Sehen Sie, diese Dinge sind außerordentlich wichtig und bedeutsam, denn sie weisen auf die Intimitäten der Beziehungen zwischen der sinnlichen und der geistigen Welt hin. Diese Dinge geben viel mehr eine Vorstellung über die Beziehungen des Sinnlichen und des Übersinnlichen, als das meiste, was in abstrakten Worten heute darüber geprägt wird. Gehen Sie einmal diejenige geisteswissenschaftliche Literatur durch, die ich versucht habe zu schreiben, und prüfen Sie sie auf ihre Methode hin. Das ist eine Prüfung, die wahrscheinlich bis heute die wenigsten Menschen vollzogen haben, denn immer ist die Methode eingeschlagen, daß eigentlich das eine durch das andere erklärt wird, daß immer die Dinge aufeinander hinweisen. Und ein wirkliches Geistesverständnis kann man auf gar keine andere Weise hervorrufen, als daß ein Ding immer auf anderes hinweist. Nehmen Sie nur einmal das Wort «Geist»! Geist, Geist, Geist — glaubt heute jeder immer sprechen zu müssen, der über den Materialismus hinweg sein will. Nehmen wir «Geist» in der deutschen Sprache. In der lateinischen trägt es ja einen noch mehr konkreten Charakter: Spiritus — aber, nicht wahr, das ist etwas, was die meisten Menschen nicht sehr stark zum Geiste hinführen wird, nach dem, was man unter «Geist» versteht, und wenn Sie dann nachdenken darüber, so wird die Sache sehr abstrakt, weil Sie sich doch nicht vorstellen können einen «Spiritus», nicht wahr? Das ist aber die konkrete Vorstellung, die zugrunde liegt. Aber, was ist «Geist»? Die meisten Menschen stellen sich ja, wenn sie sich den Geist vorstellen - ich habe das oft getadelt - eine sehr, sehr dünne Materie nur vor, so einen recht dünnen Nebel, und wenn sie irgendwo vom Geiste sprechen wollen, reden sie von «Vibrationen». Ich habe früher oft gehört, nicht gerade in theosophischen Versammlungen, aber bei theosophischen Tees, daß die Leute gesagt haben: Da sind so gute Vibrationen! — Ich weiß nicht, wie sie das meinten, aber jedenfalls ist ja auch das ein sehr materieller Vorgang, den man hineinphantasiert in den Raum. Das Wort «Geist», «Gischt», «Geischt», «Geschti» ist ja so etwas wie Dampf, der heraus-gischt aus irgendeiner Öffnung; das würde die konkrete Vorstellung sein. Aber in unserer heutigen Zeit, in dem fünften nachatlantischen Kulturzeitalter, kann man auf diese Weise gar nicht zu irgendeiner konkreten Vorstellung über den Geist kommen; das ist ja rein unmöglich. Denn, nicht wahr, entweder bleiben Sie bei irgendeiner schattenhaften Abstraktion stehen, die Sie mit dem Worte «Geist» verbinden, oder Sie sind genötigt, an Spiritus, an Weingeist zu denken; bei einem «begeisterten Menschen» werden Sie dann zu einer kuriosen Vorstellung kommen. Oder aber Sie denken an Gischt, Geischt, an etwas, was aus irgendeinem Spalt, in dem sich ein Ventil öffnet, heraus-gischt. Da würden Sie zu dem Konkreten kommen.
Cite:
GA 190/1919-03-28/p015 · edition original