Achter Vortrag
Ich will nur einiges anführen von dem, was hinweist auf die im Osten sehnsüchtig gestellte Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? Es sind bedeutsame Worte, die gerade von Osten gehört werden konnten. Ich habe schon einmal auf ein solches Wort hingewiesen. Unter denjenigen, welche in der neueren Zeit mitgewirkt haben beim Heraufkommen von Anschauungen über die soziale Frage, war einer der begabtesten Menschen Bakunin, später Marxens Gegner. Im Gegensatze zu Marx, der durchaus aus westeuropäischen Vorstellungen heraus das soziale Leben und die soziale Bewegung angegriffen hat, hat Bakunin aus östlichen Vorstellungen und Impulsen heraus die soziale Bewegung angefaßt. Überall glimmt bei Bakunin so etwas durch von einer Lebensphilosophie, von einer tieferen Auffassung und Anschauung des Lebens. Und so rührt denn auch von Bakunin ein sehr bedeutsames Wort her, das Wort, welches die Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? — beleuchten will durch einen Kontrast der Vorstellung des Menschen und der Vorstellung Gottes. Sehen Sie, dieses Wort Bakunins, von dem ich sprechen möchte nun, das ist hervorgegangen aus der Empfindung des modernen Lebens bei Bakunin. Er fand: tief in der menschlichen Natur liegt der Impuls der Freiheit, der Impuls des freien Menschen. Was möchte man denn mehr im Leben als ein freier Mensch sein - so etwa könnte man den Sehnsuchtsimpuls eines Menschen, der ähnlich denkt wie Bakunin, ausdrücken. Gegen diesen Sehnsuchtsimpuls der inneren Menschennatur steht bei einem solchen Menschen die andere Empfindung, die er bekommt von der Betrachtung des modernen Lebens, wo der Mensch eingespannt ist, wenn er den bürgerlichen Kreisen angehört, in eine Unsumme von staatlichen und sonstigen Vorurteilen, wenn er den proletarischen Kreisen angehört, in Industrialismus und Kapitalismus, der Mensch ist eigentlich innerhalb des modernen Lebens für den, der so frei und unabhängig dieses Leben betrachtet wie Bakunin, eine Art Sklave. Die Freiheit muß fundamental gefaßt werden, wie ich es versucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit». Wenn diese Freiheit nicht so fundamental erfaßt wird, so wird man immer herumgeworfen werden, auf der einen Seite von der Sucht nach der Freiheit, auf der anderen Seite von der Wahrnehmung des gegenwärtigen Lebens, das alles eher realisiert als die Freiheit. Und so blickt Bakunin förmlich auf zu dem, was Jahrtausende sagen, zu den religiösen Gottesempfindungen der Menschheit und kontrastiert dieses mit dem modernen Leben. «Gott ist, also ist der Mensch frei.» Bakunin stellt sich vor, wenn Gott ist, so kann der Mensch nicht anders sein als frei. «Der Mensch ist Sklave, also gibt es keinen Gott. Ich bin überzeugt,» - sagt Bakunin weiter - «daß niemand aus diesem Kreise heraus kann, und jetzt laßt uns wählen.»
Cite:
GA 190/1919-04-06/p006 · edition original