Dritter Vortrag

GA 191/1919-10-05/p010 ·1919-10-05 · original (original)
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Wenn dies der Mensch als Empfindung, als Gefühl in sich trägt, dann wird er erst reif, soziale Ideen zu fassen. Sonst trägt sein Denken eine gewisse Erdenschwere. Gewiß, man kann in abstracto gewisse Ideen fassen, aber man kann sie nicht im Konkreten innerlich in sich beleben. Das Soziale ist etwas, worin der Mensch als Mensch tätig ist. Naturwissenschaft begreift nur dasjenige, bei dem der Mensch nicht dabei ist. Nach dem Muster naturwissenschaftlicher Vorstellungen kann man niemals soziale Kräfte, soziale Betätigungen verstehen. Soziale Betätigung kann man nur mit jenem leichten Denken verstehen, welches man erhält aus einem solchen Gefühle heraus, das uns als Weltbürger uns erfühlen läßt. Es ist einfach so, daß ein solches weltbürgerliches Bewußtsein aus der Verwandtschaft mit Sonne und Mond entspringen muß. Erst wenn der Mensch nicht mehr sich so fühlt, daß er gewissermaßen auf die Erde angewiesen ist, wenn er sich so fühlt, als ob er ein vorübergehender Bewohner der Erde sei, der hereinträgt in dieses Erdendasein Sonnen- und Mondenkräfte, erst dann wird sein Denken so kraftvoll und zu gleicher Zeit so leicht, daß er die sozialen Begriffe wirklich so auffassen kann, wie sie im sozialen Dasein leben. Denn sehen Sie, gar mancher nationalökonomische Denker denkt, er könne mit der gewöhnlichen, der Naturwissenschaft nachgebildeten Vorstellungsart auch soziale Begriffe fassen. Sie können heute in nationalökonomischen Werken viele Begriffe lesen, viele Interpretationen lesen über den Begriff der Ware, über den Begriff der Arbeit — ich habe darüber auch schon einige Andeutungen gemacht — und über den Begriff des Kapitals. Aber alle diese Begriffe sind eigentlich gewöhnlich nicht zu gebrauchen. Sie treffen nicht das, was wirklich lebt im sozialen Leben. Wenn Sie versuchen wollen, einen Begriff zu schaffen von dem, was in dem Wirtschaftsleben als Ware zirkuliert, und Sie schaffen diesen Begriff so, wie Sie den Begriff eines Kristalles oder einer Pflanze oder eines Tieres oder selbst des physischen Menschen erzeugen, so wird nichts daraus. Sie können nicht nach dem Muster naturwissenschaftlicher Vorstellung den Begriff der Ware fassen. Wollen Sie ihn im lebendigen Leben erhaschen, wie er im sozialen Leben drinnensteht, dann brauchen Sie im Grunde doch eine Imagination; denn der Ware haftet etwas an, das untrennbar ist vom Menschen. Es ist jeder Ware etwas vom Menschen mitgegeben, ob die Ware nun besteht in einem genähten Rock oder in einem Gemälde - denn nationalökonomisch ist ein Gemälde auch nur eine Ware —, oder ob sie besteht in einer Untertichtsstunde. Auch eine Unterrichtsstunde ist ja nationalökonomisch genommen nur Ware. Aber dasjenige, was den Waren-Begriff. ausmacht, das hängt zusammen mit der Leistung des Menschen, Und nicht das gewöhnliche, voll bewußte Leben geht in die Ware hinein, sondern in die Ware geht hinein vielfach etwas von dem unterbewußten Leben. Daher brauchen Sie eine Imagination, um den Waren-Begriff richtig zu fassen. Und Sie brauchen eine Inspiration, um den Arbeits-Begriff zu fassen, und Sie brauchen eine Intuition, um den Begriff des Kapitals zu fassen. Denn der Begriff des Kapitals ist ein sehr geistiger Begriff, nur ein umgekehrt geistiger Begriff. Daher bezeichnet die Bibel dasjenige, was mit dem Kapitalismus zusammenhängt, ganz richtig als Mammon, als etwas, was mit dem Geistigen zu tun hat; nur ist es nicht gerade der allerbeste Geist, der damit zu tun hat. Aber man dringt in die höchsten Regionen des geistigen Erkennens hinauf, wenn man das, was eigentlich Kapital im wirtschaftlichen Leben tut, erfassen will.

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