Dritter Vortrag
Nun handelt es sich darum, daß man wirklich erfasse, wie man über die gewöhnlichen Alltagsbegriffe hinauskommen muß, um zu solchem Denken zu kommen, das hier gemeint ist. Sie wissen, es gibt in der Welt materialistische Denker. Heute ist die Zahl der materialistischen Denker sehr groß, und Sie alle sind ja wahrscheinlich in Ihrem innersten Wesen überzeugt, daß man kein materialistischer Denker sein dürfe. Wenigstens waren Sie bis zu einem gewissen Grade überzeugt und sind deshalb zu einem mehr spirituellen Denken gekommen, haben sich hingezogen gefühlt zu dem spirituellen Denken, das gepflegt wird in dieser anthroposophischen Bewegung. Wir wollen also von uns selbst hier absehen. Aber es gibt ja auch andere Leute, die den Geist vertreten, und zahlreiche solche Menschen in der Welt, die sagen: Nun, da läuft all das Menschenzeug herum, welches nur alles für materielle Vorgänge und materielle Wesenheiten hält. Diesen materialistisch Denkenden, materialistisch Fühlenden, stehen die spirituell Denkenden und spitrituell Fühlenden gegenüber. — Die letzteren glauben an den Geist und werden dafür von den materialistisch Denkenden oftmals als Phantasten verachtet. Sie nehmen diese Verachtung aber hin, weil sie glauben, daß die Materialisten nicht einsehen, wie recht sie, die Phantasten, haben, wenn sie an dem Spirituellen festhalten. Man macht diesen Unterschied und bemerkt diesen Unterschied in der Welt zwischen materialistischem Denken und spirituellem Denken, und man streitet viel untereinander, wer Recht hat, der materialistische Denker oder der spirituelle Denker. Aus manchem, das hier besprochen worden ist, sollten Sie erkennen, daß im Grunde genommen der noch nicht in den Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen ist, der über solche Dinge streitet, sondern erst der ist richtig in den Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen, der sagt: Du bist Materialist; das kann man sein, das geht ganz gut. Du bist Spiritualist, das kann man auch sein, das geht auch sehr gut. — Gerade so, wie man einen Baum photographieren kann von der einen Seite und photographieren kann von der anderen Seite: er schaut von den verschiedenen Seiten verschieden aus, aber es ist immer derselbe Baum. Wenn man materiell die Welt erfaßt, so ist das nur die Photographie von der einen Seite. Wenn man spirituell die Welt erfaßt, so ist das die Photographie von einer anderen Seite. Der Materialismus sieht ganz anders aus als der Spiritualismus. Aber das Geheimnis besteht darin, daß man weder in dem Materialismus noch in dem Spiritualismus die Welt hat, sondern daß das eigentlich nur zwei Photographien von verschiedenen Standpunkten aus sind. Im Grunde genommen hat der Materialist ebenso Recht wie der Spiritualist und der Spiritualist ebenso wie der Materialist. Denn diese Begriffe, Spiritualität und Materialität, haben nur auf dem physischen Plane ihre Gültigkeit. Sobald man über den physischen Plan hinauskommt, sind diese Begriffe überwunden. Da streitet man nicht mehr, ob die Welt materiell oder spiritueil ist, weil man weiß, daß das zwei verschiedene Aspekte sind. Aber, warum streitet denn eigentlich der Mensch darüber, ob der Mensch materiell oder spirituell ist? Warum streitet denn der Mensch darüber, ob einer ein bloß leibliches Wesen oder ein bloß seelisches Wesen hat? Warum sehen die einen in dem Menschen bloß, ich möchte sagen, physische Körperlichkeit, die anderen neben der physischen Körperlichkeit auch Seelisch-Geistiges? Weil der Mensch beides ist! Und das Geheimnis des Lebens besteht eigentlich darin, daß der Mensch beides ist. Wenn Sie sagen: Ein Gedanke, der ist bloß eine geistige Entität, der ist bloß etwas Geistiges -, so haben Sie recht, denn der Gedanke zs/ bloß etwas Geistiges. Aber niemals ist der Gedanke als Geistig-Seelisches in Ihnen, ohne daß er einen physischen Abdruck hat, so daß Sie eigentlich immer auch den physischen Abdruck nachweisen können; der ist da. So daß jeder Gedanke auch etwas Materielles ist. Man möchte sagen: Das Weltenall, das hat unparteiisch dafür gesorgt, daß man sowohl Spiritualist wie Materialist sein kann. Denn man ist in der Tat seelisch-geistig; faßt man das auf, so kann man Spiritualist sein. Man ist aber durchaus auch ein materieller Abdruck des Seelisch-Geistigen, faßt man das auf und läßt das andere aus dem Auge, so kann man Materialist sein, weil der Mensch beides ist, und weil das eine nur ein Abdruck des anderen ist, weil das eine dem anderen gleich ist. Deshalb handelt es sich wirklich nur darum, ob der Mensch mehr sich setzt in sein physisches Wesen, dann wird er Materialist; oder ob er sich mehr setzt in sein seelisch-geistiges Wesen, dann wird er Spiritualist.
Cite:
GA 191/1919-10-05/p013 · edition original