Dritter Vortrag

GA 191/1919-10-05/p027 ·1919-10-05 · original (original)
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Warum ist denn das eigentlich alles geschehen? Oberflächliche Denker könnten sagen: Ja, der Herrgott hätte es sich bequemer machen können. Er hätte einfach den Menschen das spirituelle Leben gleich im 15. Jahrhundert geben können, dann hätten sie nicht den ganzen Umweg durchzumachen brauchen durch das materialistische Ringen. — Vielleicht hätte er es gekonnt. Man beleidigt das evangelische Bewußtsein, wenn man sagt, er habe es nicht gekonnt. Aber das ist ja etwas, das uns hier weniger interessiert. Aber er hat es eben nicht getan, sondern er hat die Menschen sich durchringen lassen durch den Materialismus. Und so waren sie im 19. Jahrhundert im Tiefpunkt des Materialismus angekommen. Sollten sie sich jetzt zur Spiritualität durchwinden, so brauchten sie einen starken inneren Ruck; dieser starke innere Ruck, der ist der Erlöser der Freiheit, der ist der Erlöser dazu, daß der Mensch aus sich selbst, nicht durch göttliche Einimpfung, zur Spiritualität sich hinwendet. Wäre der Mensch nicht vertieft worden in das Materielle, dann könnte er nicht aus seiner eigenen Freiheit sich durchringen zum Spirituellen. Um den Menschen auf der Erde zur Selbständigkeit aufzurufen, war dieses Durchringen, dieses Durchringen durch das Materielle so stark, daß selbst noch die Religionen und die Theologie materiell geworden sind. Sehen Sie, irgend etwas Geistiges begreift selbst der heutige Theologe schwer, manchmal am schwersten, wirklich am schwersten. Ich habe neulich einmal eine Probe machen können, indem ich mit einem katholischen Theologen etwas besprach, und es schickte sich gerade so, daß ich mit diesem katholischen Theologen diese Besprechung hatte unter dem bekannten Raffaelischen Bilde, der sogenannten «Disputa». Das Gespräch brachte es mit sich, daß ich versuchte, etwas zu exemplifizieren von der «Disputa» aus. Ich sagte: Wir müssen wiederum dazu kommen - alle diejenigen, die sich um das spirituelle Leben bemühen wollen —, daß verstanden werden kann, warum eigentlich Raffael diese «Disputa» aus seinem Zeitbewußtsein heraus gemalt hat. Da oben sind die himmlischen Welten mit der Dreifaltigkeit, unten das Sanctissimum auf dem Altar und die Kirchenväter und Theologen. Das alles ist aber nicht das Wesentliche in dem Bilde, sondern das Wesentliche ist, daß ein Theologe, der nicht ein Frivolling war — das waren ja allerdings dazumal schon viele —, der es noch ernst meinte mit seiner Theologie und aus dessen Seele heraus Raffael malte, das Bewußtsein hatte: Wenn die Hostie, das Sanctissimum, konsekriert ist und man durch sie hindurchschaut, dann schaut man auf die Welt, die Raffael im oberen Teil der «Disputa» gemalt hat. — Es ist wirklich die konsekrierte Hostie das Mittel, um durchzuschauen und in die geistige Welt hineinzuschauen. Deshalb hat Raffael die Sache gemalt. Das wollte ich exemplifizieren. Ich wollte sagen: Wir müssen wiederum den Weg zurückfinden, um ein solches Bild, das noch aus einem anderen Bewußtsein heraus gemalt ist, wiederum mit seinem richtigen Inhalt zu verstehen. — Ich kann Ihnen nicht jetzt im Augenblick das Bild vormalen von dem Gesicht, das dieser Theologe gemacht hat, indem ihm zugemutet worden ist, sein Allerheiligstes in solchem spirituellem Sinne zu sehen. Die Theologie ist eben auch durchaus vermaterialisiert, die Theologie vielleicht am meisten. Sie knüpft nicht mehr an an wirklich Spirituelles, daher die Christologie selbst materialistisch geworden ist. Denn das Hauptaugenmerk hinzuwenden auf den «schlichten Mann aus Nazareth», das wäre für den Theologen des 15. Jahrhunderts noch eine Unmöglichkeit gewesen. In dem war noch lebendig das Innewohnen des Christus in dem Jesus von Nazareth. Es ist aus dem Bewußtsein verschwunden. Nur ein etwas höherer Mensch als Sokrates und Plato oder Aristoteles ist der schlichte Mann aus Nazareth. Aber er wird selbst von Theologen als der schlichte Mann aus Nazareth definiert und angesehen. Die Theologie selbst ist vermaterialisiert.

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