{"corpus":"steiner","locus":"GA 191/1919-10-05/p028","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wir haben nötig, den Ruck zu vollziehen, aus der innersten Erfassung unseres Menschentums selbst in Freiheit zum Spirituellen zu kommen. Das können wir nicht dadurch, daß wir spirituelle Phrasen drechseln, daß wir vom Geiste reden, wir können es nur dadurch, daß wir geistig denken. Und geistig gedacht ist es, wenn wir sagen: Erkenntnis hängt zusammen mit den Sonnenkräften, Wille mit den Mondenkräften. Indem hier auf der Erde sich durch die Vererbungsströmung Menschenleiber bilden, wirkt nicht ein Irdisches, es wirkt ein Sonnenhaftes in der männlichen Kraft, es wirkt ein Mondenhaftes in der weiblichen Kraft. Die Erde übersät und bedeckt sich mit Sonnen-Mondenkraft auch in der Menschheits-Fortpflanzung, und diese Menschheits-Fortpflanzung ist wiederum verwandt mit Erkenntnis- und Willenskräften. Das Geistige durchdringt das Physische, das Physische drückt sich geistig ab. Die Synthesis, die Zusammenfassung des Seelischen und des Leiblichen, das ist erst dasjenige, was heute gesucht werden muß, unbedingt gesucht werden muß. Dazu gehören nicht jene Schattenbegriffe, die die neuere Zeit seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ausgebildet hat — es sind ja nur Gedanken, die die neuere Zeit seit dem 15. Jahrhundert ausgebildet hat -, dazu gehören nicht innerlich erdachte Begriffe, dazu gehört innerlich erlebtes Geistesleben. Aber erlebtes Geistesleben ist nur dasjenige, das auch zugleich praktisch wirken kann. Wir haben lange genug ein im Grunde unpraktisches Geistesleben gehabt. Die Menschen haben, wie ich Ihnen schon sagte, durch lange Zeiten viel gesprochen darüber, wie man gut ist, wie man brüderlich ist, wie man Nächstenliebe übt. Aber das waren Begriffe, die in einer gewissen Sphäre geblieben sind, die nicht Stoßkraft ins praktische Leben hinein gehabt haben. Denken Sie nur einmal: So ein richtiger moderner Kaufmann, ein richtiger moderner Industrieller oder, sagen wir, ein Staatsbeamter — damit wir alle drei Sorten haben -, er kann, das kommt ja auch vor, sogar ein frommer Mann sein. Aber es ist ja doch ein erheblicher Unterschied zwischen dem, was ein Kaufmann vielleicht als sein religiöses Bekenntnis innerlich in der Seele erlebt, und jener Lebensbetätigung, die ihren Ausdruck in seinen Kontobüchern findet! Dasjenige, was in seinem religiösen Leben lebt, das hat keine Stoßkraft, hineinzudringen in die Kontobücher. Und der Staatsbeamte, er wird vorbereitet nicht zum Menschen, sondern eben zum Beamten. Das, was er als Beamter gelernt hat, was hat das zu tun mit dem, was er vielleicht innerlich religiös bekennt? — Das religiöse Leben ist eine Strömung, die sogenannte Lebenspraxis ist die zweite Strömung. Weil die Begriffe, die Ideen schwach geworden sind und nicht hinunterstoßen können in die Lebenspraxis, deshalb können wir heute keine so lebendigen, so starken Begriffe finden, die ins soziale Leben hineinführen. Dazu bedarf es der Auffrischung durch die Geisteswissenschaft, damit die Begriffe stark genug werden, damit sie nicht nur so weit dringen wie die Predigerbegriffe eines Sonntagnachmittag-Predigers, die warmes Gefühl im Herzen hervorrufen, innerliche Seelenwollust hervorrufen, aber die nicht hineindringen in die Betätigung, die im Kontobuch ihren Ausdruck findet. Weiter hineinstoßen in das praktische Leben müssen die Begriffe, die aus dem Geistigsten hervorgeholt sind. Denn die Begriffe sind nicht geistig, die nicht durch ihre innere Kraft bis in das tiefste Wesen der Materie herunterdringen. Das ist gerade die Geistigkeit der Begriffe, daß die Begriffe stark sind und bis in das tiefste Wesen der Materie hinunterdringen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Dritter Vortrag","site_heading":null,"date":"1919-10-05","location":null,"word_count":529,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/191/1919-10-05/p028","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/191/1919-10-05/p028"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/191/1919-10-05/p028","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}