{"corpus":"steiner","locus":"GA 191/1919-10-10/p032","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Dagegen sind es Realitäten, wenn man sagt: Anglo-amerikanisches Wesen: Streben nach Kosmogonie; europäisches Wesen: Streben nach Freiheit; asiatisches Wesen: Streben nach Altruismus. — Und nun müßte gesucht werden, diese drei Partialkräfte im Weltenbewußtsein zu erfassen, und aus diesem Weltenbewußtsein heraus sich zu sagen: Die alte Kultur, die aus dem Partiellen heraus strebt, muß untergehen, und sie halten wollen, heißt eigentlich, gegen seine Zeit und nicht mit seiner Zeit handeln. Wir brauchen eine neue Zivilisation auf den Trümmern des Alten. Die Trümmer des Alten werden immer kleiner und kleiner werden, und derjenige Mensch allein versteht die heutige Zeit, der den Willen und den Mut hat zu einem wirklich Neuen. Das Neue aber, das darf weder aus dem bloßen griechischen oder römischen Landbewußtsein, noch aber aus dem Erdenbewußtsein des neuzeitlichen Menschen, sondern muß hervorgehen aus dem Weltenbewußtsein des Zukunftsmenschen, aus jenem Weltenbewußtsein, das wiederum von der Erde hier hinweg aufblickt zu dem Kosmos. Aber wir müssen dahin kommen, diesen Kosmos so anzusehen, daß wir nicht bloß Kopernikanismus, Galileismus treiben. Die Europäer haben es verstanden, die Umgebung der Erde zu mathematisieren; aber sie haben es nicht verstanden, eine wirkliche Wissenschaft von der Umgebung der Erde zu erringen. Für seine Zeit war gewiß Giordano Bruno eine große Erscheinung, eine große Persönlichkeit; aber heute brauchen wir das Bewußtsein, daß da, wo er nur mathematische Ordnung gesehen hat, spirituelle Ordnung herrscht, Wirklichkeit herrscht. Der Amerikaner glaubt in Wirklichkeit nicht an die bloß mathematische Welt, an den bloß mathematischen Kosmos. Er strebt aus seiner Zivilisation heraus nach einem Wissen von übersinnlichen Kräften, wenn er auch noch auf falschem Wege ist. Man hat verstanden, in Europa allerlei Wissen zu treiben. Aber als Goethe in seiner Art die Frage gestellt hat: Was ist Wissenschaft? — war nicht weiterzukommen; denn es konnte dieses Europa nicht die Möglichkeit gewinnen, dasjenige, was man erforschen kann, sagen wir über den Menschen, zur Kosmogonie zu erweitern. Goethe hat die Metamorphose gefunden: die Metamorphose der Pflanzen, die Metamorphose der Tiere, die Metamorphose des Menschen. Das Haupt in seinem Knochensystem, es ist ein umgewandeltes Rückgrat und Rückenmark. Das alles ist schön. Aber das alles muß ausgebildet werden zu einem Bewußtsein davon, daß dieses Haupt der umgestaltete Mensch der vorigen Inkarnation ist, und daß der Gliedmaßenmensch die Vorbereitung der nächstfolgenden Inkarnation ist. Kosmisch muß die wirkliche Wissenschaft sein, sonst ist sie keine Wissenschaft. Kosmisch, eine Kosmogonie muß die Wissenschaft sein, sonst ist diese Wissenschaft nicht etwas, was innerliche menschliche Impulse gibt, was den Menschen trägt durchs Leben. Der Mensch der neueren Zeit kann nicht instinktiv leben; er muß bewußt leben. Er braucht eine Kosmogonie, und er braucht eine wirkliche Freiheit. Er braucht nicht bloß ein Herumreden über die Freiheit, er braucht nicht bloß alles dasjenige, was die Phraseologie der Freiheit ist; er braucht ein wirkliches Einleben der Freiheit in das unmittelbare Dasein. Das kann man nur auf den Wegen, die zum ethischen Individualismus führen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vierter Vortrag","site_heading":null,"date":"1919-10-10","location":null,"word_count":477,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/191/1919-10-10/p032","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/191/1919-10-10/p032"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/191/1919-10-10/p032","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}