Sechster Vortrag

GA 191/1919-10-12/p009 ·1919-10-12 · original (original)
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Wenn wir zurückgehen in die altägyptische, altchaldäische Kultur, da haben wir als die eigentlich herrschenden Mächte etwas ganz anderes, als was später die herrschenden Mächte waren. Die Menschen geben sich heute nur sehr wenig Rechenschaft über die großen Umwälzungen, die im Laufe des geschichtlichen Werdens sich zugetragen haben. Die eigentlich herrschenden Mächte dieser alten Zeit, die ungefähr in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts geendet hat, das waren Menschen, die man, im alten Stil der Geisteswissenschaft gesprochen, Initiierte, Eingeweihte nennen konnte. Die ägyptischen Pharaonen waren ja bis zu einem gewissen Zeitpunkte durchaus initiierte Menschen. Sie waren eingeweiht in die Geheimnisse der Kosmologie und betrachteten dasjenige, was sie auf Erden zu tun hatten, im Sinne der Kosmologie. Für den heutigen Menschen ergeben sich, wenn man so etwas ausspricht, schon gewisse Schwierigkeiten des Verständnisses, aus dem einfachen Grunde, weil der heutige Mensch aus seinem Bewußtsein heraus sich sagt: Ja, aber die Pharaonen und schließlich auch die chaldäischen sogenannten Eingeweihten haben doch manches getan, was höchst anfechtbar ist! - Nun könnte man ja allerdings einwenden, daß auch moderne, uneingeweihte Herrscher manches tun, was nicht gerade den höchsten moralischen Begriffen entsprechend ist, aber das wäre natürlich hier nur ein ungeeigneter Einwand. Man muß aber darauf hinweisen, daß es jenseits der sinnlichen Welt durchaus nicht bloß gute Götter gibt, sondern daß es auch Götter gibt, welche den Interessen der Menschen, wie man sie so gewöhnlich ansieht, durchaus zuwider handeln. So daß man durchaus nicht glauben darf, daß derjenige, der ein wirklicher Eingeweihter ist, nur aus guten Motiven heraus zu handeln braucht. Wenn man in dem Sinne, wie ich es jetzt tue, darüber spricht, daß die Pharaonen Eingeweihte sind, so muß man sich eben nur klar sein darüber, daß sie aus geistig-spirituellen Impulsen heraus handelten. In ihrem Willen lebten geistig-spirituelle Impulse. Daß das manchmal recht schlechte sein konnten, das wird derjenige nicht bestreiten, der in unserem Sinne kennengelernt hat dasjenige, was da alles an göttlich-geistigen Mächten, Mächten übersinnlicher Natur hinter der sinnlichen Welt lag. Aber der eigentliche Eingeweihte, der in seinen Willen, nicht bloß in sein Bewußtsein, aufnehmen konnte dasjenige, was göttlich-geistige Mächte gaben, der war der eigentlich Herrschende bis in die Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts. Dann begann die Zeit, von der man sagen kann, wenn man sie entkleidet all der verschiedenen Illusionen, die unsere landläufige Geschichte durchtränken, daß der eigentlich Herrschende der Priester war. Die weltlichen Herrscher waren mehr oder weniger, selbst wenn sie Karl der Große waren, abhängig von der Priesterschaft. Viel mehr als man glaubt, war auch noch im Mittelalter der europäischen Zivilisation die Priesterherrschaft das eigentlich Maßgebende. Sie steckte überall drinnen, sie machte sich in allem geltend, und sie war vor allen Dingen dasjenige Element, das auch maßgebend war für die soziale Struktur. Und die Menschen, die Grund und Boden besaßen, hatten sie eigentlich in hohem Maße überantwortet erhalten von der Priesterschaft. Was Soldatentum in alten Zeiten vor der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts war, war Soldatentum im Dienste der Eingeweihten. Was Soldatentum wurde in dem 4. nachatlantischen Zeitraum, in dem griechisch-lateinischen Zeitraum, von der Mitte des 8. vorchristlichen bis in die Mitte des 15. nachchristlichen Jahrhunderts, das war Söldner der Priesterherrschaft. Und im Grunde genommen waren auch solche Unternehmungen wie die Kreuzzüge im wesentlichen militärische Unternehmungen im Auftrage, wenn ich so sprechen darf, der Priesterherrschaft. In irgendeiner Weise hing das, was getan wurde, mit der Priesterherrschaft zusammen.

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