Sechster Vortrag

GA 191/1919-10-12/p013 ·1919-10-12 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun muß man sich aber natürlich zunächst fragen: Wie kommt es denn, daß solche beträchtlichen Umwandlungen im Laufe der geschichtlichen Entwickelung sich abspielen? Da liegt etwas zugrunde, was wiederum notwendig macht, daß man nicht bei Oberflächenbetrachtungen des geschichtlichen Lebens stehenbleibt, sondern tiefer dringt. Wenn man heute sich ein wenig ergeht in dem, was man Geschichte nennt, dann stellt sich heraus, daß die Geschichtsschreiber eigentlich annehmen, daß in der seelischen Entwickelung des Menschen im Grunde eine große Veränderung im Laufe der Geschichte gar nicht vorgegangen sei. Die materialistischen Denker meinen: Da ist einmal auf der Erde herumgewandelt der Affe, so ein affenartiges Wesen; dann ist aus diesem affenartigen Wesen durch allerlei Vorgänge, wenn auch recht langsam — aber mit Langsamkeit macht es ja die Wissenschaft heute —, hervorgegangen der Mensch. Sobald einmal der Mensch da war, hat er sich in bezug auf seine Bewußtseinszustände, in bezug auf seine Seelenverfassung nicht besonders geändert. Der heutige Mensch stellt sich den alten Ägypter vielleicht etwas kindlicher vor, weil der noch nicht so «gescheit» war, noch nicht so viel gewußt hat wie der heutige Mensch; aber im allgemeinen stellt sich der heutige Mensch beim alten Ägypter die Seelenverfassung schon so vor, wie bei sich selber. Dennoch, wenn wir zurückgehen in die Zeit, die vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert liegt, so ist diese Seelenverfassung des Menschen eine ganz, ganz andere, als sie auch später, nach der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts war.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/191/1919-10-12/p013.json
Cite: GA 191/1919-10-12/p013 · edition original