{"corpus":"steiner","locus":"GA 191/1919-11-15/p025","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Denken wir uns einmal, es lauerte da in einer Ecke irgendwo ein richtiger Vertreter der Gegenwartsbildung und würde sagen: Nun, was lassen sich diese Anthroposophen denn für Zeug vorreden? Wir haben doch so herrliche Errungenschaften in der neuesten Zeit! Was soll denn das heißen, daß da gesagt wird, die Urweisheit sei versiegt? Wir haben ja alles mögliche Große, Gewaltige bekommen, gerade in den letzten Jahrhunderten und bis in unsere Tage herein, vielleicht schließen die Menschen mit 1914 ab, aber immerhin, bis 1914 haben wir so Herrliches bekommen. — Wenn Sie aber unbefangen hinsehen auf das, was wir in der neuesten Zeit bekommen haben, so werden Sie zu dem folgenden Resultat kommen. Gewiß, die Menschen haben allerlei naturwissenschaftliche, naturbeschreibende und geschichtliche Notizen gesammelt. Das Sammeln ist ja insbesondere Mode geworden. Sie haben auch mancherlei Experimente gemacht und diese beschrieben. Aber wenn Sie nun fragen: Ist denn eigentlich in alldem, was ja gerade die neueste Zeit gebracht hat, etwas Neues an Ideen, an Begriffen? — Einzelne verlorene Geister wie Goethe haben an Ideen, an Begriffen etwas Neues gebracht; aber Goethe ist ja nicht verstanden worden. Gehen Sie durch dasjenige, was zum Beispiel in der Naturwissenschaft oder gar in der neuesten geschichtlichen Wissenschaft spielt, da werden Sie finden: Was da an Ideen spielt, das ist nicht neu. Gewiß, Darwin hat Reisen gemacht, hat vieles beschrieben, was er auf Reisen gesehen hat, hat dann zusammengefaßt, was er gesehen hat und hat es in eine Idee gebracht. Aber wenn Sie die Evolutionsidee bis in die kleinsten Einzelheiten hinein als Idee auffassen, so finden Sie sie schon bei dem Griechen Anaxagoras. Und so finden Sie die wichtigsten Ideen, die heute die Naturwissenschaft hat, bei Aristoteles, also schon in der vorchristlichen Zeit. Und diese Ideen sind Schatz der Urweisheit, luziferischer Quell. Nur muß eben nach und nach dasjenige, was diese Urweisheit ist, versiegen, und Neues, in Form von Einsichten in die geistige Welt, muß errungen werden. Es bedarf dazu einer gewissen Willigkeit der Menschen, diejenigen Dinge hinzunehmen, die unmittelbar losarbeiten auf wirkliche neue Ideen. Und neue Ideen braucht die gegenwärtige Menschheit namentlich in bezug auf das Seelische. Was vom Seelischen heute wissenschaftlich an die Menschen herangebracht wird, das sind ja im Grunde genommen nur noch Worte. Wenn in den gewöhnlichen Schulsälen in gelehrter Art von Wille, von Gedanken, von Gefühlen gesprochen wird, so hat man es eigentlich nur noch mit Worten zu tun, die die Leute wie in einem Kaleidoskop herumwerfen. Aber es sind im Grunde genommen ausgepreßte Worte, der Klang der Worte. Die Menschen gehen gar nicht darauf aus, im Ernste dasjenige zu nehmen, was heute auf Neues hinarbeitet.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Fünfzehnter Vortrag","site_heading":null,"date":"1919-11-15","location":null,"word_count":433,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/191/1919-11-15/p025","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/191/1919-11-15/p025"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/191/1919-11-15/p025","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1919-11-15_02"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."}}