Elfter Vortrag

GA 192/1919-06-29/p005 ·1919-06-29 · original (original)
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Eine Wahrheit, die hier und überhaupt innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung oftmals ausgesprochen worden ist, sie sollte zur Erkenntnis des Menschen und seiner Aufgaben immer wieder und wiederum in der Seele erweckt werden, und das ist die Wahrheit, daß im fünfzehnten Jahrhundert innerhalb der europäischen Menschheit sich ein radikaler Umschwung vollzogen hat, ein radikaler Umschwung, der zunächst von den Menschen wenig bemerkt worden ist, der aber schr, sehr deutlich ist, sowohl für das geistige Leben wie für das seelische Leben wie auch für das äußere Leibliche, für den Menschenleib, für die herrschenden Gesetze des wirtschaftlichen Lebens. Auf allen drei Gebieten ist deutlich bemerkbar um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts das Aufgehen der menschlichen Selbständigkeit, das Aufgehen der menschlichen Bewußtseinsseele. Aus früheren patriarchalischen Verhältnissen der Menschheit muß sich seit jener Zeit der Mensch allmählich herausarbeiten zur vollen Erfassung seines Menschseins, zum Stellen auf sein eigenes Urteil, sein eigenes Empfinden, und auf das aus dem eigenen Urteil und eigenen Empfinden geborene Wollen. Seit jener Zeit ist aber auch im Grunde genommen die menschliche Entwickelung — wenn ich den Ausdruck brauchen darf — gegabelt, das heißt die Menschheit steht vor einem Scheidewege. Diese Menschheit kann, während sie bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts mehr oder weniger, wie von ihren Instinkten geführt, geradeaus gegangen ist, die Menschheit kann seit diesem Zeitpunkte im fünfzehnten Jahrhundert entweder rechts oder links gehen, der Weg ist gegabelt. Solche Entwickelungen vollziehen sich nicht von heute auf morgen; solche Entwickelungen lassen alte Erbschaften besonders aufblühen. Und es sind durchaus alte Erbschaften zurückgeblieben aus denjenigen Zuständen der Menschheitsentwickelung, die vor dem fünfzehnten Jahrhundert durchgemacht worden sind. Aber es haben sich daneben auch diejenigen Eigenschaften der Menschheit ausgebildet, welche eben Natureigenschaften sind, die eigentlich erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert in die Menschheitsentwickelung eingezogen sind.

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Cite: GA 192/1919-06-29/p005 · edition original