Dreizehnter Vortrag

GA 192/1919-07-13/p010 ·1919-07-13 · original (original)
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Wer heute auf Goetbe schwört, auf Hegel schwört, und dabei das so meint, daß er einfach deren Dogmen übernimmt, der schadet sich und anderen. Wer heute wirklich Goetheaner sein will, darf nicht auf Goethe dogmatisch schwören, sondern er muß weiterbilden dasjenige, was in einer Anlage bei Goethe vorhanden ist. Und in noch stärkerem Maße ist das beim Hegeltum der Fall. Beim Hegeltum zeigt sich, was da eigentlich vorliegt. Dieses Hegeltum in der deutschen Entwickelung ist eine höchst, höchst charakteristische Erscheinung. Da liegt nämlich etwas vor, was ein Charakteristikon des logischen Denkens überhaupt ist. Niemand kann eigentlich verstehen, was das logische Denken für den Menschen ist, der nicht etwas von der Geisteswissenschaft versteht. Denn diese Geisteswissenschaft zeigt ihm erst, daß es auch noch einen anderen, einen übersinnlichen Menschen gibt, nicht nur den Menschen, der als die sinnliche Leiblichkeit uns entgegentritt. Diese beiden Dinge, der übersinnliche und der sinnliche Mensch, sie verschwimmen für die Anschauung der Menschheit in ein einziges wüstes Chaos, denn das, was die gegenwärtige Anatomie und Physiologie überliefert über den Menschen, ist ein wüstes Chaos. Lernt man aber sachgemäß trennen den übersinnlichen Menschen, von dem ich neulich auch im öffentlichen Vortrag zweimal gesprochen habe, von dem sinnlichen Menschen, dann lernt man die sonderbare paradoxe Tatsache kennen — geistige Tatsachen sind zumeist für die sinnliche Anschauung paradox -, daß es ein logisches Denken für die Menschheitsentwickelung überhaupt nicht geben würde, wenn die Menschen nicht in den physischen Leib hineingeboren würden und dort sich entwickelten. Für die Logik, gerade wenn sie auf der höchsten Stufe entwickelt ist, ist der sinnliche Leib das entsprechende Instrument. Wer daher übersinnliche Erkenntnis entwickelt, wer wirklich sich hineinlebt in die übersinnliche Erkenntnis, der muß schon die Erfahrung machen, daß es außerordentlich schwierig ist, nun überhaupt diese übersinnlichen Erkenntnisse in Worte zu kleiden, daß aber, wenn er diese übersinnlichen Erkenntnisse mit der gewöhnlichen Logik auffassen will, das heißt mit dem, was nur an das Instrument des äußeren physischen Leibes gebunden ist, daß ihm dann diese übersinnliche Erkenntnis ertötet wird. Dann ist es aus mit dieser übersinnlichen Erkenntnis. Auf dem Boden der Logik erstirbt die übersinnliche Erkenntnis. Sie muß für unser Menschenleben gebracht werden zu einem Spiegelabglanz, wie es bei Hegel war. Aber dann darf man in diesem Spiegelabglanz nicht drinnen leben, sonst ist man gleich aus dem Geiste heraus. Daher ist es nicht so, daß Hegel das deutsche Denken zur höchsten Geistesentwickelung gebracht hat, sondern daß in diesem Geistigen, das Hegel bietet, das Geistloseste enthalten ist, daß gar kein Geist mehr im Hegeltum drinnen ist. Das heißt: der physische Leib erfaßt in Hegel die Geistigkeit und preßt sie zu gleicher Zeit aus. Höchster Logiker, dieser Hegel; geistloseste Philosophie, dieses dutch höchste Anstrengung des Geistes hervorgebrachte Denken! Kein Wunder, daß es umschlägt in den bewußten Materialismus, in Marxismus, und daß es so zu einer tatsächlichen Entwickelungsphase im neunzehnten Jahrhundert wird.

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