{"corpus":"steiner","locus":"GA 193/1919-09-13/p007","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Damit wird vieles andere verbunden sein. Damit wird verbunden sein, daß wir wieder erkennen, wie in den Tiefen unseres Wesens unsere eigentliche Menschlichkeit ruht und nach und nach herauskommt. Ich habe Sie einmal auf alte Zeiten der Menschheitsentwicklung hingewiesen, auf jene Zeiten, die wir vom anthroposophischen Standpunkte aus in der ersten, in der zweiten nachatlantischen Entwicklungsepoche der Menschheit und so weiter erkennen. Ich habe Sie darauf hingewiesen, wie damals die Menschen so entwicklungsfähig bis in ein höheres Alter hinein gewesen sind wie heute nur der ganz junge Mensch. Der ganz junge Mensch macht eine physische Entwicklung durch um das siebente Jahr, im Zahnwechsel. Er macht wieder eine in dem physischen Leben sich ausdrückende Metamorphose durch mit der Geschlechtsreife. Dann werden die Dinge, die in der Entwicklung vor sich gehen, im äußeren Leben weniger bemerkbar. So war es in alten Zeiten nicht. Da drückte sich das, was der Mensch geistig-seelisch durchmachte, bis in viel höhere Altersstufen hinauf aus. Jetzt ist das unbemerkbar. Jetzt werden wir einfach mit siebzehn, achtzehn Jahren schon alte Leute, und man erlebt es heute zu seinem Entsetzen, daß ganz junge Leute als alte Leute auftreten. Ein Beispiel: Wir haben in Stuttgart vor einiger Zeit eine Sitzung des Kulturrates gehabt, wo die Rede war über das Erziehungswesen der Gegenwart. Es wurde von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesprochen. Dann trat auch ein junger Mann auf, sagen wir, ein junger Mann, ich könnte auch sagen: ein älterer Knabe. Der sagte, er müsse die Gesellschaft belehren über die eigentlichen Erziehungsideale. Nun sprach er zunächst einige sehr phrasenhafte Worte, dann las er ein Programm einer gegenwärtigen Erziehungsgesellschaft vor, das nun allerdings so war, daß er fortwährend unterbrochen wurde. Er konnte nicht weiterreden, so daß er seine Rede abschloß, was er dann mit den Worten tat: Ich muß also konstatieren, daß jetzt das Alter seine eigene Jugend nicht mehr versteht. - Dann trat er ab. - Nun hatte ich darauf erwidert, daß ich ja allerdings begreife, daß man ihn nicht verstanden habe, aber aus dem einfachen Grunde, weil er viel zu senil geredet hat, weil er viel zu greisenhaft aufgetreten ist. Er ist nämlich aufgetreten mit Grundsätzen, die nun wirklich das Äußerste an Abstraktionen waren - greisenhaft! Denn was ist das Wesen des heutigen Greisenhaften? Das ist es, daß der Mensch gewöhnlich nur bis zu einem gewissen Lebensalter entwicklungsfähig ist; dann nimmt er allerlei auf, da schämt er sich auch noch nicht, sich zu entwickeln. Dann sind die Jahre da, wo es gegen die zwanzig Jahre hingeht, da schämt er sich, sich weiter zu entwickeln. Wir erleben es heute sehr selten, daß Menschen, die bereits graue Haare haben und Runzeln im Gesicht, sich freuen auf jedes kommende Jahr, aus dem Grunde, weil jedes kommende Jahr dem Organismus neue Entwicklungsmöglichkeiten bietet, so daß man in jedem neuen Jahr etwas Neues lernen könnte, was man früher einfach deshalb nicht lernen konnte, weil man den Organismus dazu nicht hatte. Aber die Menschen lassen heute nicht den Organismus sich entwickeln. Sie schämen sich, noch etwas zu lernen, sich entwicklungsfähig zu machen, wenn sie das jugendliche Alter von dreißig Jahren erreicht haben. Worauf es ankommt, das ist, daß der Mensch in der Tat die Möglichkeit behält, das ganze Leben hindurch sich auf jedes neue Jahr zu freuen, weil jedes Jahr die göttlich-geistigen Inhalte seines Inneren in neuen Gestalten hervorzaubert. Das ist etwas, was ich damit bezeichnen möchte, daß wir in Wahrheit und Wirklichkeit lernen müssen, nicht bloß unsere Jugend als entwicklungsfähig zu erleben, sondern das ganze Dasein zwischen Geburt und Tod. Dazu wird natürlich eine neue Erziehung notwendig sein. Indem unsere alten Leute an ihre Schuljahre zurückdenken, denken sie gewöhnlich an nichts Angenehmes zurück. Wir müssen in die Lage kommen, die Schuljahre so zu gestalten, daß sie, wenn wir uns an sie zurückerinnern, immer ein neuer Quell des Auflebens für uns sind. Sie sehen daraus, daß der Mensch sich auch in dieser Beziehung die Möglichkeit eröffnen kann, das Göttlich-Geistige in seinem Inneren wirklich wahrzunehmen, etwas in sich zu erleben, was über das von außen angeregte und erregte Leben hinausgeht.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Siebenter Vortrag","site_heading":null,"date":"1919-09-13","location":null,"word_count":671,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/193/1919-09-13/p007","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/193/1919-09-13/p007"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/193/1919-09-13/p007","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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