Siebenter Vortrag

GA 193/1919-09-13/p014 ·1919-09-13 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Seit Jahrzehnten schon konnte man in sozialistischen Kreisen aus der Marxistischen Weltanschauung heraus hören, daß alles, was die Menschen als Kunst, Religion, als Sitte, Recht, Wissenschaft erleben, Ideologie ist. Ich habe das ausführlicher dargestellt in dem ersten Kapitel der «Kernpunkte der sozialen Frage». Das heißt, was in den bürgerlich führenden Kreisen seit drei bis vier Jahrhunderten als eine Lebensauffassung sich entwickelt hat, was aber aus einer gewissen Feigheit die bürgerlichen Kreise sich nicht gestanden haben, das haben sich aus einer Wahrheit heraus die sozialistischen Kreise des letzten halben Jahrhunderts gestanden. Sie haben gesagt: Die wahre Wirklichkeit des sozialen Lebens besteht nur in dem, was wirklich vor sich geht, inden ökonomischen Kräften der Wirtschaftliegtallein das Reale. Was sich in der Menschheit ausbildete als Kunst, Religion, Sitte, als Wissenschaft, als Recht, als Moral, das ist nur etwas wie ein aufsteigender Rauch aus der wahren Wirklichkeit. Das ist bloß Ideologie, das hat keine Wirklichkeit, das hat nur eine Scheinwirklichkeit. - Damit hängt ja für das soziale Streben der sozialistischen Parteien in der neueren Zeit das zusammen, daß diese Parteien sagen: Wir brauchen nur das Wirtschaftsleben umzuändern, dann ändert sich mit dem Wirtschaftsleben auch alles andere. Denn das andere, Moral, Sitte, Recht, Religion und so weiter ist ja nur etwas, was als Rauch aufsteigt, als ein Unwirkliches, als Ideologie, aus dem einzig Wirklichen, aus dem wirtschaftlichen Geschehen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/193/1919-09-13/p014.json
Cite: GA 193/1919-09-13/p014 · edition original