Neunter Vortrag
Wie zahlreich sind heute die Menschen, die glauben, aus christlicher Bescheidenheit heraus zu sprechen, aber in Wahrheit aus einem furchtbaren Hochmut heraus sagen: Oh, wir brauchen keine geistige Wissenschaft. Die Einfachheit, die Schlichtheit des Evangeliums, die führt uns zu dem, was der Mensch von der Ewigkeit braucht. — Es ist zumeist ein furchtbarer Hochmut, der in dieser scheinbaren Bescheidenheit sich ausspricht. Diesen Hochmut, ihn kann Ahriman im angedeuteten Sinne sehr gut benützen. Denn vergessen Sie nicht, was ich im Beginne dieser heutigen Betrachtungen auseinandergesetzt habe, daß in der Zeit, in die das Evangelium hineingefallen ist, die Menschen in ihrem Denken, Empfinden und Anschauen, in ihrem ganzen Anschauen noch luziferisch durchdrungen waren und daß sie mit einer gewissen luziferischen Gnosis das Evangelium verstehen konnten. Aber die Evangeliumauffassung in diesem alten Sinne ist heute nicht möglich. Heute auf das bloße Evangelium zu pochen, namentlich so, wie es den Menschen überliefert ist, das gibt keine wirkliche Christus-Auffassung. Daher ist heute nirgends weniger eine wahre Christus-Auffassung verbreitet als in den Glaubensbekenntnissen, in den Konfessionen. Man muß heute schon das Evangelium geisteswissenschaftlich vertiefen, wenn man zu einer wirklichen Auffassung des Christus kommen will. Da ist es interessant, die einzelnen Evangelien zu verfolgen und auf ihren wahren Inhalt zu kommen. Das Evangelium so zu nehmen, wie es ist, wie es heute zahlreiche Menschen nehmen und wie es namentlich zahlreichen Menschen gelehrt wird, es zu nehmen, das ist nicht ein Weg zu Christus, das ist ein Weg von Christus weg. Daher kommen die Konfessionen immer mehr und mehr weg von Christus. Wozu gelangt, wer heute das Evangelium und nur das Evangelium nehmen will, ohne geisteswissenschaftliche Vertiefung des Evangeliums, zu welcher Art von Christus-Auffassung gelangt er? Er kommt zuletzt zu einem Christus, wenn er wirklich das Evangelium nimmt. Aber was ist das Äußerste, wozu er kommt? Das ist nicht eine Realität des Christus, zu der heute eben nur die Geisteswissenschaft hinführen kann. Das, wozu das Evangelium führt, ist eine zwar richtige, aber doch nur eine Halluzination vom Christus, ein wirkliches inneres Bild - meinetwillen nennen Sie es auch Vision -, ein wirkliches, inneres Bild, aber nur ein Bild. Es gibt durch das Evangelium heute den Weg, zu einer wahren Halluzination, zu einer wahren Vision von dem Christus zu kommen, aber nicht zu der Realität des Christus. Das ist gerade der Grund, warum die moderne Theologie so materialistisch geworden ist. Die Leute, die sich mit dem Evangelium bloß theologisch befaßt haben, die haben geprüft: Was können wir aus diesem Evangelium herausbringen? Und sie sagten sich zuletzt doch: Nach unserer Anschauung so etwas ähnliches, wie das, was wir herausbringen, wenn wir den Paulus vor Damaskus prüfen. Und dann kommen diese Theologen, die eigentlich das Christentum begründen sollten, es aber untergraben, indem sie sagen: Nun, Paulus war eben krank, eine nervenkranke Person, die vor Damaskus eine Vision hatte.
Cite:
GA 193/1919-10-27/p028 · edition original