Neunter Vortrag
Solche Dinge müßten heute durchschaut werden. Ganz illusionär würde die bloße weltliche Wissenschaft die Menschen machen. Sie würden zuletzt im Grunde genommen nur mehr Närrisches vollbringen. Es wird heute schon genügend Närrisches vollbracht, denn sicherlich war die Weltkriegskatastrophe eine große Narrheit. Aber viele Menschen waren dabei, die durchaus durchdrungen waren mit heutiger weltlicher Wissenschaft. Und wenn Sie sehen, wie sogleich merkwürdige Seelenerscheinungen zum Vorschein kommen, wenn durch irgendwelche Sekten zum Beispiel eines der vier Evangelien in den Vordergrund gestellt wird, dann werden Sie leichter begreifen, was ich heute auch über das Evangelium gesagt habe. sehen Sie einmal, wie stark hinneigt zu allerlei Halluzinatorischem und dergleichen solch eine Sekte wie die, die bloß auf das Johannes-Evangelium hört, oder eine andere, die bloß auf das Lukas-Evangelium hört. Das einzige Glück, daß jedes Evangelium in seiner Einseitigkeit noch nicht das große Unheil angerichtet hat, liegt darin, daß es vier Evangelien gibt, die äußerlich einander widersprechen. So daß die Menschen dadurch, daß sie vier Evangelien vor sich haben, nicht in die Richtung des einen verfallen, nicht in der Richtung des einen zu weit gehen, sondern das andere daneben haben. An einem Sonntag wird ihnen aus dem einen, am anderen Sonntag aus dem anderen Evangelium vorgelesen, und dadurch hebt sich die Kraft des einen durch die Kraft des anderen auf. Es liegt eine große Weisheit darin, daß diese vier Evangelien auf die Kulturwelt gekommen sind und die Menschen dadurch nicht, wie es bei vielen Anhängern von Sekten der Fall ist, dazu kommen, der Strömung zu verfallen, die den Menschen überkommt, wenn bloß ein Evangelium auf ihn wirkt. Wenn bloß ein Evangelium auf ihn wirkt, dann tritt es besonders klar hervor, daß zuletzt das Wirken des einen Evangeliums ausläuft in Halluzinatorisches. Ja, es ist notwendig, daß man heute manches von subjektiver Neigung abstreift, manches von dem, was man gern hat und von dem man glaubt, daß es fromm ist oder daß es gescheit ist. Es handelt sich heute für die Menschheit vor allen Dingen um Allseitigkeit und um den Mut zur Allseitigkeit.
Cite:
GA 193/1919-10-27/p033 · edition original