Lucifer and Ahriman
Die heidnische Kultur können wir verstehen, wenn wir uns klar darüber werden, daß sie im wesentlichen eine Kultur war der Erkenntnis, der Anschauung, des Handelns aus umfassenderen Kräften heraus, als es die irdischen Kräfte sind. Man kann sagen: Durch die hebräisch-jüdische Kultur ist eigentlich erst der Menschheit das moralische Element eingeimpft worden. Das moralische Element führte kein abgesondertes Dasein in der heidnischen Kultur. Dafür aber war diese alte heidnische Kultur so beschaffen, daß der Mensch sich als ein Glied des ganzen Kosmos fühlte. Das muß man ganz besonders ins Auge fassen. Der Mensch, der als Angehöriger der alten heidnischen Kultur auf der Erde stand, fühlte sich als ein Glied des ganzen Kosmos. Er fühlte, wie die Kräfte, die in dem Sternenlauf wirken, sich fortsetzen in seine eigenen Handlungen hinein, oder besser gesagt, in die Kräfte, die in seinen Handlungen wirken. Was später als Astrologie galt, was bis in unsere Zeiten noch als Astrologie gilt, das ist nur, ich möchte sagen, ein Abglanz, sogar ein sehr irreführender Abglanz dessen, was alte Weisheit war, die heruntergeholt wurde aus Sternenläufen und die zu gleicher Zeit die Vorschriften für das menschliche Handeln abgab. Man versteht diese alten Kulturen nur dann, wenn man vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus ein wenig Licht auf das wirft, was eigentlich im äußeren Sinne Menschheitsentwicklung im 4., 5. vorchristlichen Jahrtausend war. Wir sprechen selbstverständlich bald vom zweiten, bald vom ersten nachatlantischen Zeitraum, aber wir tun nicht gut, wenn wir uns das Menschendasein auf der Erde in diesem 5., 6., 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung auch gar zu sehr ähnlich vorstellen unserem jetzigen Menschendasein. Es ist durchaus richtig, daß die Menschen in diesen alten Jahrtausenden, insofern sie auf der Erde herumwandelten, eine Art instinktiven Seelenlebens hatten, eine Art von Seelenleben, das schon in gewisser Beziehung näherstand dem tierischen Seelenleben als dem heutigen menschlichen. Aber es ist nur sehr einseitigdas Menschenleben erfaßt, wenn man etwa sagt: Ja, wenn man in diese alten Zeiten zurückgeht, so waren die Menschen tierähnlicher. Was hier auf der Erde herumwandelte, das war gewiß in der Seelenverfassung tierähnlicher, aber diese Tierleiber der Menschen wurden gebraucht von den geistig-seelischen Wesenheiten, die sich dafür sehr als Angehörige der übersinnlichen, vor allem der kosmischen Welten fühlten. Und man kann sagen: Wenn man nur weit genug zurückgeht, etwa in das 5. vorchristliche Jahrtausend, so waren die Menschen so, daß sie tierische Leiber mehr als Instrumente benützten, denn daß sie sich in ihnen drinnenfühlten. Will man jene Menschen genau charakterisieren, so müßte man sagen: Wenn diese Menschen wach waren, so gingen sie allerdings wie die Tiere mit einem instinktiven Seelenleben herum, aber es schien hinein in dieses instinktive Seelenleben etwas wie Träume aus ihrem Schlafzustand, wie Wachträume. Und in diesen Wachträumen erkannten sie, wie sie heruntergestiegen waren, um die Tierleiber nur zu benützen. Dasjenige, was da wirklich innere menschliche Seelenverfassung war, das ging dann über als Kultusanschauung, als Kultushandlung in den Mithrasdienst, wo wir sehen, daß das Hauptsymbolum der Mithrasgott ist, der auf einem Stier reitet, oben der Sternenhimmel, dem er angehört, unten das Irdische, dem der Stier angehört. Dieses Symbolum ist eigentlich für diese alten Menschen kein Symbolum gewesen, sondern es ist die Anschauung der Wirklichkeit gewesen. Der Mensch fühlte etwa seine Seelenverfassung so, daß er sich sagte: Bin ich nachts außerhalb meines Leibes, so gehöre ich dem an, was die Kräfte des Kosmos, des Sternenhimmels sind, wache ich des Morgens auf, so bediene ich mich des tierischen Instinktes in einem tierischen Leibe.
Cite:
GA 193/1919-11-04/p006 · edition original