Erster Vortrag
Wir müssen nur bedenken, welche Interessen da in der neueren Geistesgeschichte walten. Sogar die Dreigliederung des menschlichen Organismus oder des Menschenwesens im Ganzen ist ja in einer gewissen Beziehung, wie ich es Ihnen öfters erwähnt habe, für die abendländische Zivilisation durch das achte ökumenische Konzil von Konstantinopel im Jahre 869 aus der Welt geschafft worden. Es ist zum Dogma erhoben, daß der Christ nicht zu glauben habe an eine dreigliedrige Menschenwesenheit, sondern nur an eine zweigliedrige Menschenwesenheit. An Leib, Seele und Geist zu glauben gilt als verpönt, und die mittelalterlichen Theologen und Philosophen, die noch viel wußten von der Wahrheit, die hatten eine große Mühe, sich um diese Wahrheit herumzudrücken, denn die sogenannte Trichotomie, die Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, war für ketzerisch erklärt worden. Sie mußten die Zweiheit lehren: der Mensch bestehe aus Leib und Seele, nicht aus Leib, Seele und Geist. Und das ist ja dasjenige, wovon gewisse Wesen, wovon gewisse Menschen gut wissen, was es für eine ungeheure Bedeutung hat für das menschliche Geistesleben, die Zweigliederung an die Stelle der Dreigliederung zu setzen.
Cite:
GA 194/1919-11-21/p033 · edition original