Zweiter Vortrag
Also wir haben es beim menschlichen Haupte zu tun mit einer Entwickelung zwar aus der Tierheit heraus, aber jetzt schon mit einer rückläufigen Entwickelung, mit einem Abbauprozeß. In aufsteigender Entwickelung ist unser anderer menschlicher Organismus. Von diesem anderen menschlichen Organismus dürfen wir nicht etwa glauben, daß er nun keinen Anteil hat an dem Seelisch-Geistigen und seinem Erleben im Menschen. Fortwährend wird nicht nur das Blut aus dem übrigen Organismus heraufgesendet in das Haupt, sondern fortwährend steigen auch auf in das Blut jene seelisch-geistigen Gedankengebilde, aus denen die Welt gewoben ist, aus denen auch unser Organismus gewoben ist. Diese seelisch-geistigen Gedankengebilde, die nimmt der Mensch heute in seinem normalen Zustande noch nicht wahr, aber es ist das Zeitalter eingetreten, indemder Mensch beginnen muß, dasjenige wahrzunehmen, was aus seinem eigenen Wesen aufsteigt an Gedankengebilden. Sie wissen ja, wir schlafen nicht bloß vom Einschlafen bis zum Aufwachen, mit einem Teil unseres Wesens schlafen wir den ganzen Tag über. Wir sind eigentlich nur wach in bezug auf unser Denken, Vorstellen und Sinneswahrnehmen. Wir träumen in bezug auf unser Gefühlsleben, wir schlafen völlig in bezug auf unser Willensleben. Denn von dem, was wir wollen, wissen wir ja nur die Gedanken, die Ideen, nicht den Vorgang des Willens. Was der Wille eigentlich macht, das vollzieht sich für unser Bewußtsein so unbewußt wie das Schlafesleben vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber wenn wir fragen: Auf welchen Wegen kann allein das Wissen von dem wirklich Göttlichen an den Menschen herankommen? — dann können wir nicht verweisen auf den Weg durch das Haupt, auf den Weg durch die Sinneswahrnehmung und durch das Denken, sondern dann können wir nur verweisen auf den Weg, der durchgeht durch unseren übrigen Organismus. Und das große, gewaltige Geheimnis liegt vor, daß der Mensch sein Haupt entwickelt hat in einer langen Entwickelungsreihe, daß dann hinzugekommen ist dasjenige, was sein übriger Organismus ist, daß das Haupt bereits eine rückläufige Entwickelung angetreten hat, daß aber dasjenige, was der Mensch als sein Göttliches empfinden kann, durch den übrigen Organismus zu ihm sprechen muß, nicht durch das Haupt. Denn das ist wichtig, daß man sich klar ist darüber: Durch das Haupt sprachen zu Menschen zunächst nur die luziferischen Wesenheiten. Und wir können sagen: Dem Menschen wurde zu seinem Haupte hinzu erschaffen der übrige Organismus, damit zu ihm sprechen können seine Götter. Am Ausgangspunkt der Bibel steht nicht: Und Gott sandte dem Menschen den Lichtstrahl und er ward eine lebendige Seele — sondern: Gott blies dem Menschen den lebendigen Odem ein und er ward eine lebendige Seele. — Hier wird richtig erkannt, daß durch eine Nicht-Hauptestätigkeit zu dem Menschen der göttliche Impuls kam.
Cite:
GA 194/1919-11-22/p014 · edition original