Dritter Vortrag
Wenn wir zurückblicken in vorchristliche Zeiten, dann werden wir finden, daß sichtbarlich, ich möchte sagen, Gottes Boten auf die Erde herabkamen und sich dem Menschen offenbarten, dem Menschen sich begreiflich machten. Der größte auf die Erde herabkommende Gottesbote, der Christus, war auch zu gleicher Zeit derjenige, der am letzten ohne des Menschen Zutun in dem größten Erdenereignis sich offenbaren konnte. Jetzt leben wir in der Zeit der Michael-Offenbarung. Die ist ebenso da wie die anderen Offenbarungen. Aber sie drängt sich dem Menschen nicht mehr auf, weil der Mensch in seine Freiheitsentwickelung eingetreten ist. Wir müssen der Offenbarung des Michael entgegenkommen, wir müssen uns vorbereiten, so daß er in uns die stärksten Kräfte hereinsendet, daß wir des Übersinnlichen in der unmittelbaren Erdenumgebung uns bewußt sind. Verkennen Sie nicht, was in dieser Michael-Offenbarung, wenn die Menschen sich durch Freiheit ihr nähern würden, für die Menschen der Gegenwart und der nächsten Zukunft gegeben wäre. Verkennen Sie nicht, daß heute die Menschen aus den Überresten alter Bewußtseinszustände nach Lösung der sozialen Frage streben. Alles dasjenige, was aus alten Bewußtseinszuständen der Menschheit hat gelöst werden können, das ist gelöst. Die Erde ist im absteigenden Aste ihrer Entwickelung. Mit jenem Nachdenken, das vom Alten heraufgekommen ist, werden die Forderungen, die heute auftauchen, nicht gelöst. Die werden allein gelöst bei einer Menschheit mit einer neuen Seelenverfassung. Die Aufgabe, die wir haben, die ist diese: dazu zu wirken, daß diese neue Seelenverfassung unter die Menschen kommt. Wir sehen es heute, ich möchte sagen, als etwas, was wie ein furchtbarer Alp auf unsere Seele drückt, daß die Menschen nicht heraus können aus den Vorstellungen, die Jahrtausendelang gepflegt worden sind. Wir sehen heute, wie fast automatisch ablaufen die Ergebnisse dieser jahrtausendealten Vorstellungen, die schon alles Inhalts entkleidet worden sind und im Grunde genommen nur mehr die Worthülsen enthalten. Es wird geredet allüberall unter uns von menschlichen Idealen. Dasjenige, was wirklich in diesen Idealen steckt, ist nichts, es sind nur Wortklänge, denn die Menschheit braucht eine neue Seelenverfassung. Es erklang einmal ein Ruf in die Menschheit herein, den wir in unsere Sprache übersetzen: Ändert den Sinn, denn die Zeit ist nahe herbeigekommen! — Aber dazumal konnten die Menschen noch aus den alten Seelenverfassungen heraus den Sinn ändern. Jetzt ist diese Möglichkeit abgelaufen, jetzt muß, wenn das erfüllt werden soll, was dazumal verlangt worden ist, es aus einer neuen Seelenverfassung heraus erfüllt werden. Michael hat die Jahve-Überlieferung, den Jahve-Einfluß den Menschen vermittelt. Seit dem Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist er daran, wenn wir ihm nur entgegengehen, das Verständnis für den Christus-Impuls im wahren Sinne des Wortes zu vermitteln. Aber wir müssen ihm entgegengehen. Und wir gehen ihm entgegen, wenn wir zweierlei erfüllen.
Cite:
GA 194/1919-11-23/p033 · edition original