Elfter Vortrag
Wir haben verloren eine wirkliche Wissenschaft der Seele. Wir haben sie nicht mehr. Und ich habe ja auch in öffentlichen Vorträgen, neulich erst wieder in Basel und an anderen Orten, hingewiesen darauf, warum wir die Wissenschaft von der Seele verloren haben. Die Wissenschaft vom Geiste ist ja zum Beispiel der katholischen Kirche schon im 9. Jahrhundert unbehaglich geworden; ich habe das öfter erwähnt. Deshalb ist der Geist, wie ich ja auch schon oft auseinandergesetzt habe, auf dem achten allgemeinen ökumenischen Konzil zu Konstantinopel, 869, abgeschafft worden. Damals wurde das Dogma gegeben, der Mensch dürfe nicht denken, wenn er rechter Christ ist, daß er bestünde aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, und daß die Seele geistige Eigenschaften habe. Heute lehrt das noch die Psychologie, glaubt es aus unbefangener Wissenschaft heraus zu lehren, spricht aber nur das Dogma von 869 nach. Aber auch in bezug auf alles dasjenige, was auf die Seele hinweisen soll, wurde monopolisiert in Form des Glaubens, in Form des Bekenntnisses, in Form des Dogmas durch die Bekenntniskirchen. Alles das, was vom Menschen heraus Erkenntnis des Seelischen sein soll, es wurde von den Bekenntnisgemeinschaften monopolisiert. Und der eigentlichen Erkenntnis, der freien Erkenntnis wurde nur die äußere Natur überlassen. Kein Wunder, daß wir heute keine Seelenwissenschaft haben. Denn die weltliche Gelehrsamkeit hat sich eben nur der Wissenschaft der Natur hingegeben, da die Wissenschaft von der Seele monopolisiert und die Wissenschaft vom Geiste abgeschafft war. Wir haben keine Wissenschaft der Seele. Wir können, wenn wir auf dem fußen, was heute tonangebende Wissenschaft ist, nicht weiterkommen. Denn wenn wir auf dem fußen, was heute die Wortpsychologie ist — viel mehr ist sie ja nicht —, da können wir nicht zu einem wirklichen Verständnisse desjenigen kommen, was in der Seele waltet. Sie wissen ja aus meiner Darstellung, die ich gegeben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», daß beim Überschreiten der Schwelle zur geistigen Welt im Bewußtsein auseinandertreten Denken, Fühlen und Wollen. Im gewöhnlichen heutigen gangbaren Bewußtsein bilden Denken, Fühlen und Wollen eine Art von Chaos; sie sind ineinandergeschichtet. In dem Augenblicke, wo die Schwelle zur geistigen Welt überschritten wird, in dem Augenblicke, wo man sich nur anschicken will, erfahrungsgemäß die Initiationswissenschaft zu gewinnen, werden im Bewußtsein Denken, Fühlen, Wollen selbständige Mächte. Sie werden selbständig. Da lernt man sie kennen, da lernt man in Wirklichkeit erst unterscheiden Denken vom Fühlen und vom Wollen.
Cite:
GA 194/1919-12-14/p021 · edition original