Elfter Vortrag
Nicht wahr, wenn Sie hier einen Spiegel haben und Sie haben hier einen Gegenstand, zum Beispiel eine Kerze, so haben Sie also hier ein Spiegelbild: Sie können das Bild von dem Gegenstande unterscheiden, Sie werden es nicht verwechseln. Wenn Sie irgendwie, durch einen Schirm meinetwillen, die Kerze selbst zugedeckt haben, so werden Sie im Spiegel nur das Bild sehen. Das Bild wird alles machen, was die Kerze macht. Sie können aus dem Bilde alles ablesen, was die Kerze macht. Sie sind gewöhnt, räumlich zu denken, deshalb können Sie sich leicht vorstellen, wie das Bild sich zur Wirklichkeit der Kerze verhält. Aber das, was in uns die Denkkraft ist, ist als Kraft ein Spiegelbild, und die Wirklichkeit liegt vor der Geburt. Die reale Kraft, deren Bild wir anwenden in diesem Leben, liegt vor der Geburt. Daher ist der Grundsatz des menschlichen Bewußtseins, der sich ergibt, wenn man auf sein eigenes Bewußtsein sieht: Ich denke, also bin ich nicht. Cogito ergo non sum! — Das ist das Grundsätzliche, das man begreifen muß, daß im Denken Bildnatur waltet, und daß die Kraft des Denkens vor der Geburt liegt. Die neuere Entwickelung hat damit eingesetzt, das Gegenteil als Grundaxiom der Philosophie hinzustellen: cogito ergo sum, was ein Unsinn ist. Sie sehen, wie die neuere Menschheit durch ihre Prüfung durchgehen muß. Aber wir sind am Scheidepunkte. Wir müssen umdenken lernen über die Fundamente des Seelenlebens.
Cite:
GA 194/1919-12-14/p025 · edition original