Fünfter Vortrag

GA 196/1920-01-17/p022 ·1920-01-17 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Mit solchen Vorstellungen schafft man ganz andere Gedankenformen als mit den Vorstellungen, die der Durchschnittsmensch heute hat. Die Gedanken, die sich die Menschen heute machen, gehen gar nicht hinein bis in das Leben des Übersinnlichen. Die Gedanken, die sich die Menschen mit einer solchen Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha machten, wie ich es eben charakterisiert habe, die waren geeignet, Gedankenformen hervorzurufen, welcheeine Realität hatten im Übersinnlichen. Daher kann man den gegenwärtigen Zeitpunkt auch so charakterisieren, daß man sagt: Die Menschheit hat allmählich die Fähigkeit verloren, solche Gedankenformen zu bilden, die im Übersinnlichen eine Bedeutung haben. — So kann man ja auf der Erde auch keine sozialen Ordnungen schaffen, die die Erde weiterbringen. Daher trägt alles das, was ungefähr seit dem 16. Jahrhundert an sozialen Ideen in die Menschheit hineingebracht worden ist, den Charakter, der sich etwa folgendermaßen schildern läßt: Wir treffen nach den Gedankenformen, welche die Gedankenformen der Neuzeit sind, soziale Einrichtungen. Solche sozialen Einrichtungen sind alle zum Zerbrechen da, das heißt, sie laufen eine Zeitlang, dann zerbrechen sie. Sie haben keine innere Kraft der Fortentwickelung. - Das ist sogar das Geheimnis der neueren Entwickelung. Die Menschen mögen auf Grundlage derjenigen äußeren Weltbildung, die sich ergeben hat seit dem 16. Jahrhundert, noch so willig soziale Einrichtungen treffen, alle diese sozialen Einrichtungen tragen den Todeskeim schon im Entstehen in sich, weil sie nicht mit Gedankenformen verbunden sind, die im Übersinnlichen eine Realität haben. Solange es in der Gegenwart nicht Menschen gibt, welche so etwas einsehen, ist mit dieser Gegenwart überhaupt über einen sozialen Fortschritt gar nicht zu sprechen. Es kommt nicht darauf an, daß man in abstrakter Art, vielleicht aus irgendeinem spirituellen Gedankengespinst soziale Ideen ableitet. Darauf kommt es gar nicht an. In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» steht nicht etwa zuerst ein längeres Kapitel über Geisteswissenschaft, aus dem dann soziale Gesetze deduziert werden, sondern es wird aus der Wirklichkeit selber heraus aufmerksam gemacht auf das, was zu geschehen hat. Darauf kommt es nicht an, daß man aus irgendeinem spirituellen Gespinst das soziale Leben herausdeduziert, sondern darauf, daß man selber erfüllt ist von solchen Gedanken, die im Übersinnlichen wurzeln. Denn dieses Erfülltsein macht es aus, daß alles, was man denkt, eine Realität im Übersinnlichen hat.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/196/1920-01-17/p022.json
Cite: GA 196/1920-01-17/p022 · edition original