Fünfter Vortrag

GA 196/1920-01-17/p027 ·1920-01-17 · original (original)
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Wenn zwei Menschen miteinander reden, verständigen sie sich durch die Sprache. Aber die Sprache war in verhältnismäßig gar nicht weit zurückliegender Zeit etwas ganz anderes als heute. Wenn man sich heute durch die Sprache verständigt, so wird man eigentlich mehr oder weniger ein Sklave der Sprache. Die Menschen haben früher durch den Sprachgenius viel gelernt, und sie dachten eigentlich nicht selbst sehr viel, sie ließen die Sprache für sich denken. Das ging nur so lange, bis der Zeitraum eintrat, den ich Ihnen gestern charakterisiert habe. Heute kommt der Mensch nur weiter, wenn er sich mit seinem Denken und Empfinden von der Sprache emanzipieren kann. Die Sprache läuft gewissermaßen heute wie ein Mechanismus, in dem wir drinnenstehen, und statt unserer lebt eigentlich immer mehr und mehr der Ahriman in der Sprachenentwickelung drinnen. Ahriman redet eigentlich heute, wenn die Menschen reden. Und die Menschen müssen sich nach und nach gewöhnen, aus ganz anderem heraus sich zu verstehen als aus dem bloßen Wortlaut der Sprachen. Man muß viel tiefer drinnenstehen im Leben, um heute den andern Menschen zu verstehen, als in dem Zeitalter, wo auf den Flügeln der Sprache noch das enthalten war, was die Menschen miteinander ausgetauscht hatten. Heute ist das auf den Flügeln der Sprache nicht mehr enthalten. Heute kann man im Grunde genommen ein von wirklicher Erkenntnis ganz leerer Mensch sein. Aber damit, daß die Sprache - jede heutige zivilisierte Sprache - allmählich Satzformen, Sentenzen, ja ganze Theorien, die schon in der Sprache liegen, ausgebildet hat, braucht man nur das, was in der Sprache liegt, ein bißchen umzuändern, dann hat man etwas scheinbar von sich aus Geschaffenes, in Wirklichkeit hat man im Grunde genommen nur ein wenig durcheinandergewürfelt, was schon da war.

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Cite: GA 196/1920-01-17/p027 · edition original