Fünfter Vortrag
Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, das kann man als Erlebnis haben. Man muß nur die inneren Seelenaugen für solche Dinge offen haben. Wer nicht mit Worten, sondern mit Gedanken arbeitet, für den ist die Sprache heute ein ganz schauderhaftes Instrument. Es schreibt sich heute für den, der mit Gedanken arbeitet, in der Tat nicht leicht. Denn wollen Sie einen Satz hinschreiben, so pariert er Ihnen nicht, weil soundso viele Leute ähnliche Sätze geschrieben haben. Immer wiederum will der Satz sich formen aus der Gesamtpsyche heraus, aber Sie müssen erst sein Feind werden, um dasjenige, was Ihnen in der Seele liegt, wirklich satzgemäß zu formen. Wer heute für die Öffentlichkeit wirkt und nicht diese Feindseligkeit der Sprache empfinden kann, der gerät immer in die Gefahr, sich dem Denken der Sprache zu überlassen und schöne Programme auszusinnen aus der Sprache heraus.
Cite:
GA 196/1920-01-17/p029 · edition original