{"corpus":"steiner","locus":"GA 196/1920-01-17/p031","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Schrecklich wirken unsere Schulen in dieser Beziehung. Die Schulmeister, die eigentlich jeden scheinbar ungeschickten, aber wenigstens eigenen Gedanken auf das Konventionelle hin korrigieren, üben große Verbrechen in der Schule aus. Man sollte geradezu forschen nach jedem ungeschickten, aber substantiell individuellen Satze, den irgendein Bube oder irgendein Mädchen in der Schule hinschreibt. Man sollte daran in der Schule Besprechungen knüpfen und sollte gar nicht mit der verfluchten roten Tinte das Konventionelle an die Stelle desjenigen setzen, was aus den jugendlichen Individualitäten heute herauskommt. Denn heute ist es das Allerwichtigste, darauf hinzuschauen, was aus den jugendlichen Individualitäten herauskommt. Vielleicht wird es sich in einer Weise enthüllen, wie es uns nicht immer bequem ist, wie wir es leicht als fehlerhaft ansehen. Wollte man die Goetheschen Jugendbriefe mit dem Auge eines Gymnasiallehrers korrigieren, dann müßten viele Dinge korrigiert werden! Der österreichische Dichter Robert Hamerling hat bei seiner Lehramtsprüfung die schlechteste Zensur im «deutschen Aufsatz» gehabt! Und es bleibt ja doch etwas Wahres an dem, was Hebbel sich in sein Tagebuch geschrieben hat, ich habe es öfters erwähnt: Er wollte ein Drama schreiben mit dem Motiv, daß gerade ein Gymnasiallehrer der höheren Klassen einen Schüler vor sich hat, der der wiederverkörperte Plato ist, mit dem er den Plato liest in der Klasse; da findet der Gymnasaallehrer, daß dieser «wiederverkörperte Plato» nicht das Allergeringste versteht vom Plato! Dieses Motiv hat sich der Dichter Friedrich Hebbel für ein Drama notiert, das dann nicht zur Ausführung gekommen ist. Aber es ist etwas Wahres daran.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Fünfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-01-17","location":null,"word_count":246,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/196/1920-01-17/p031","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/196/1920-01-17/p031"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/196/1920-01-17/p031","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}