Fünfter Vortrag
Aber nicht nur das ist zu berücksichtigen, daß wir heute zahlreiche solche Menschen unter uns haben, die in dieser Weise arbeiten, sondern auch das ist zu berücksichtigen, daß wir schon seit Jahrzehnten im großen Publikum aus Schläfrigkeit entspringend eine weitgehende Toleranz haben gegen dieses Treiben, ein Nicht-hinsehen-Wollen darauf, wie eigentlich heute öffentliche Meinung gemacht wird. Das aber ist der wichtigste Teil dessen, was zur Besserung führen kann. Solange nicht Leute von dem Kaliber des Jesuiten Zimmermann oder des Universitätsprofessors Dessoir in der entsprechenden Weise behandelt werden, so lange kann keine Gesundung kommen. Die Menschen, die ihnen gegenüberstehen und ihnen nicht die richtige Behandlung angedeihen lassen, die sind schuldiger noch als diese Individuen. Denn diese Individuen betreiben bei diesen Dingen ihre Geschäfte, wenn auch in so schmutziger Weise wie der Professor Dessoir. Ich habe Ihnen das vor einiger Zeit charakterisiert. Aber es handelt sich darum, daß nun endlich aufgewacht werde. Denn von einem Dessoirschen Buch oder einer Zimmermannschen Kritik führt ein gerader Weg nach diesen Sümpfen hin, die ich Ihnen charakterisieren konnte. Ich mußte dieses auch nicht anders als in der Absicht anführen, die Symptome zu zeigen für die Kräfte, die in unserer Zeit wirksam sind, um jedes für den Geist berechtigte Streben niederzudrücken. Und so möchte ich auch noch die Tatsache erwähnen, daß mir neulich hier ein Artikel gegeben worden ist, der angeblich bestimmt war für das Brockhaussche Konversationslexikon, für das jener berüchtigte Dessoir — bei uns nur berüchtigt! - die Artikel schreiben sollte über Anthroposophie; in derselben Zeit, in der er durch einen Mittelsmann sich diese Artikel von mir schreiben ließ, schrieb er an seinem Buche, diesem Schandbuche. Aber denken Sie jetzt den Fall, daß dieser Artikel etwa hier liegen würde in unserem hiesigen Archiv! Er würde später einmal dort gefunden werden als ein Artikel, der von mir herrühren soll. Da würde also einmal jemand sagen können: Ja, den Artikel im Archiv hat doch Steiner abgeschrieben aus Dessoirs Artikel im Lexikon und für sich in Anspruch genommen! - Derlei Blüten können getrieben werden, wenn man nicht wach ist! Es können einem erst die Dinge durch literarische Diebe gestohlen werden, und dann können sie in einer solchen Weise figurieren irgendwo, daß nicht der, der sie gemacht hat, sondern der, der sie gestohlen hat, als der Autor gilt und der, welcher der Autor ist, für den Dieb gilt!
Cite:
GA 196/1920-01-17/p048 · edition original