Siebenter Vortrag
Folgen Sie mir einmal für kurze Zeit in eine Betrachtung gerade desjenigen, was unser Denken ist. Der Mensch ist sich ja bewußt, daß er das Leben, das auf ihn von da- oder dorther Eindruck macht, mit seinem Denken innerlich begleitet. Dieses Denken — man lebt in ihm. Aber man sollte sich doch auch bewußt werden, daß der größte Teil des Lebens damit ausgefüllt ist, daß dieses Denken durchsetzt ist von allem möglichen Traumartigen. Die meisten Menschen werden sich dessen nicht bewußt, wie in ihr Denken dasjenige hereinspielt, was ein unwillkürliches Element ist. Alles unwillkürliche Element im Denken ist im Grunde genommen traumhafter Natur. Versuchen Sie nur einmal, in einer oberflächlichen Selbsterkenntnis sich klarzumachen, wie weit Sie Ihre Gedanken aus dem Zentrum Ihres Willens heraus im Alltagsleben dirigieren. Versuchen Sie, sich klarzumachen, wie weit Sie das Bestreben haben, die Gedanken innerlich zu lenken, die Gedanken selbst zu gestalten. Versuchen Sie, sich klarzumachen, in wie hohem Maße es der Fall ist, daß die Seele die Gedanken kommen läßt, sie hereinbrechen läßt. Sie leben sich aus, die Gedanken, einer spinnt sich mit dem andern zusammen, und der Mensch gibt sich diesem unwillkürlichen Gedankenspiel wohlbehaglich hin. Es ist kein großer Unterschied zwischen diesem alltäglichen Gedankenspiel und zwischen dem aus dem Schlafe heraus aufdämmernden Träumen.
Cite:
GA 196/1920-01-30/p009 · edition original