Zwölfter Vortrag
Im ganzen Weltenzusammenhang muß man über das eine diese, über das andere jene Ansicht haben; aber es steht auch das minder Gute durchaus an seiner berechtigten Stelle. Das können manche Menschen nicht begreifen. Wir versuchen auch, die Schädlichkeit des Materialismus nachzuweisen; aber wir müssen auf der andern Seite wiederum erkennen, daß der Materialismus bis ins 19. Jahrhundert kommen mußte. Nur muß er jetzt überwunden werden. Manche Menschen möchten es sich in solchen Fragen sehr bequem machen, sie sagen: Der menschliche Körper ist halt das Werkzeug, in dem die Seele wohnt; die Seele ist himmlisch, der Körper ist irdisch, halten wir uns an das Seelische. - Das ist eine bequeme Lebensauffassung. Aber das ist das Verdienst, das dem Materialismus zukommt, daß er die Menschen gelehrt hat, daß auch das Körperliche am Geistigen Anteil hat, daß schon unter gewissen Elementen des menschlichen Geschlechts der Körper organisiert war gerade zur Aufnahme des Geistigen. Und die hervorragendsten Menschen waren diejenigen, auf die das Christentum aufgetroffen ist. Eben in den ersten Zeiten, als sich das Christentum in Europa verbreitet hatte, da waren die Leiber dieser europäischen Menschen gute Empfangsinstrumente für die Aufnahme des Christentums, da war gerade das physische Gehirn dadurch, daß es sich in einer gewissen Weise aus der geistigen Welt heraus gebildet hatte, ein gutes Empfangsorgan für das Christentum. Und während in Asien das Christentum hervorgetreten ist nach jahrhunderte-, jahrtausendelanger Entwickelung in einer Kultur, die nur für Seelen war, aber in Asien dieses Christentum auftraf auf eine dekadente, auf eine im Absterben begriffene Kultur, eine Seelenkultur, die gut war für alte Zeiten, die nicht mehr gut war für die Zeit, in der das Christentum Platz griff, stieß in Europa dieses Christentum auf empfängliche Menschen, die durch ihre Leiber organisiert waren, in dieses Christentum hineinzuwachsen, ihre Leiber zu Empfangsinstrumenten des Christentums zu machen; denn in diesen Leibern war noch viel Geist, kosmischer Geist, Naturgeist. Das ist gerade das Bedeutsame der europäischen Urbevölkerung der nachatlantischen Zeit, daß in den Leibern Geist war und daß mit diesem in den Leibern befindlichen Geiste das Christentum aufgenommen worden ist. Aber dieser Geist verrauchte allmählich, dieser Geist hörte auf. Dieser Geist blieb nicht bei den europäischen Leibern. Und das ist gerade das Wesentlichste jenes Überganges, der stattgefunden hat in der Mitte des 15. Jahrhunderts der nachchristlichen Zeit, daß im wesentlichen da jener Naturgeist, der in den menschlichen europäischen Leibern war, anfing zu verrauchen, daß die Leiber allmählich unfähig wurden, aus sich das zu verstehen, was sie erst mit frischer Kraft, weil mit Leibeskraft, als Christentum aufgenommen hatten. Dadurch versank allmählich seit dem 15. Jahrhundert das Verständnis für das Christentum. Es blieb nur die Tradition übrig. Die Verhältnisse, die da zugrunde liegen, sie verkennt man eigentlich, in der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft verkennt man sie vollständig. Man glaubt nämlich, Mensch ist Mensch, und man glaubt, man könne diesen Menschen studieren, wenn man die Leichname in die Kliniken trägt und da anatomisiert. Da erfährt man das Allerwenigste vom Menschen, denn die feinste Konstitution dieser Menschen ändert sich fast von Jahrhundert zu Jahrhundert. Die Menschheit eines Jahrhunderts ist im Grunde in bezug auf die feine Konstitution etwas ganz anderes als die Menschheit des vorigen Jahrhunderts. Weil das nicht im Groben auftritt und nicht mit groben wissenschaftlichen Mitteln zu konstatieren ist, deshalb wollen die Menschen nichts davon wissen. Aber dieser Mensch ist eine sehr feine Organisation, und dasjenige, was sich im Laufe der Zeit nacheinander entwickelt, das bleibt nebeneinander bestehen. Für die grobe Anatomie herrscht der Glaube, aber es ist nur ein Glaube: Wenn man einem westlichen Menschen das Blut abzapft und einem östlichen Menschen das Blut abzapft, zapft man halt Blut ab; Blut ist Blut. — Aber diese Anschauung, Blut ist Blut, ist ein völliger Unsinn vor einer wirklichen tieferen Menschheitserkenntnis. Ich kann über diese Sache nur schematisch sprechen und kann heute auch nur, ich möchte sagen, die Ergebnisse ausgedehnter Forschung angeben. Aber diese Ergebnisse sind außerordentlich wichtig. Sollte ich eigentlich schematisch etwas zeichnen — was selbstverständlich, wenn es nicht schematisch, sondern real gezeichnet würde, etwas anderes wäre -, so müßte ich es in der folgenden Weise zeichnen. Würde ich also das Blutgerinnsel im lebendigen menschlichen Leibe bei einem westlichen Menschen zeichnen, so würde ich es so zeichnen (siehe Zeichnung a). Sollte ich das Blutgerinnsel in der Ader bei einem russischen Menschen zeichnen, so würde ich es so zeichnen müssen (siehe Zeichnung b).
Cite:
GA 196/1920-02-08/p011 · edition original