Zwölfter Vortrag
Ob soziale Forderungen auftreten oder nicht, darüber ist nicht zu diskutieren, ebensowenig wie darüber zu diskutieren ist, ob ein Erdbeben in irgendeiner Gegend eintreten wird oder nicht. Aber darüber ist zu diskutieren, wie man sich solchen Erscheinungen gegenüber verhält. Niemand wird eine entsprechende Stellung zu solchen Erscheinungen gewinnen können, der nicht in dem angedeuteten Sinne Menschenwissen hat. Das ist etwas, womit man sich ganz tief durchdringen muß. Und ob das Leben der zivilisierten europäischen Welt wird weitergehen können oder nicht, das wird davon abhängen, ob es eine genügend große Anzahl von Menschen geben wird, welche durchschauen die Unmöglichkeit eines weiteren Weltregimentes, das besonders beeinflußt wird von solchen wirklichkeitstremden Menschen, wie Lloyd George einer ist. Sie wissen alle, ich rede ja nicht von irgendeinem chauvinistischen Standpunkte, von irgendeiner bestimmten Seite her, sondern ich rede von einem rein sachlichen, aus der Beobachtung der objektiven Tatsachen fließenden Gesichtspunkt. Ich habe wahrhaftig niemals irgend etwas als Deutscher, als sogenannter Deutscher, gegen Woodrow Wilson oder Lloyd George gehabt. Verglichen mit andern Menschen heute, ist sogar Lloyd George ein «Prachtskerl». Aber er ist eben ein Siebenundzwanzigjährig-Bleibender als Mensch, der nicht imstande ist, dasjenige in sich aufzunehmen, was man erst aufnehmen kann, wenn die absteigende Entwickelung Platz greift, wenn man also über die Dreißigerjahre hinausgekommen ist. Denn die vertrockneten europäischen Leiber, die nicht sich hinwenden wollen zur Aufnahme von etwas Geistigem, verlieren die Entwickelungsmöglichkeit in den Dreißigerjahren. Sie können dann Parlamentarier sein, sogar so unendlich versierte, so außerordentlich gute Parlamentarier wie Lloyd George, der ja bekanntlich, als man ihn zum Minister machte, ganz bewundernswürdige Reformen durchführte. Nicht wahr, man macht das den Oppositionsmenschen gegenüber so: Man nimmt sie, damit sie draußen im Parlament nicht unbequem werden, ins Ministerium hinein. Im gegebenen Momente machte man in England auch Lloyd George zum Minister, zunächst aus dem Grunde, weil man ihn nicht zur Opposition haben wollte; aber zum Minister machte man ihn, indem man sagte: Man gibt ihm das Ressort, von dem er gar nichts versteht. Das ist ja die gewöhnliche Art, gefährliche Parlamentarier zu behandeln. Und siehe da, als man Lloyd George das Ressort gegeben hatte, von dem er gar nichts verstand, da entwickelte er eine fieberhafte Tätigkeit, führte Reformen ein, die wirklich bewundernswert sind, und die andern standen da mit langen Nasen.
Cite:
GA 196/1920-02-08/p017 · edition original