Zwölfter Vortrag

GA 196/1920-02-08/p018 ·1920-02-08 · original (original)
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Alle diese Erscheinungen muß man heute beurteilen können vom Standpunkte der Gesetze der Menschheitsentwickelung. Es ist im allgemeinen nichts Angenehmes, die Menschheit nach ihren Eigentümlichkeiten zu beurteilen, und es liegt vor allen Dingen heute nicht in der Gewohnheit der Menschen, auf den andern Menschen einzugehen. Daher nimmt man die Menschen heute gern nach ihrer Abstempelung. Man hat nicht die Neigung, sich die Unbequemlichkeit zu machen, durch Begegnung mit einem Menschen zu erfahren, ob er Fähigkeiten hat, ob etwas in seiner Seele lebt, was Wirkungsmöglichkeiten hat. Man will sich auch gar nicht darauf einlassen, in dieser Weise durch den unmittelbaren aus dem Leben stammenden Eindruck den Menschen zu beurteilen. Man braucht andere Möglichkeiten. Es ist einer graduiert, er ist im Besitze eines Doktordiploms - also ist er ein weiser Mann. Da braucht man ihn nicht erst kennenzulernen, man braucht bloß zu wissen: Er hat einmal Prüfungen gemacht, oder er ist - ich weiß nicht, ob man nicht sagen soll: er war — Regierungsrat. Schön, da ist er etwas, was man zu respektieren hat, man braucht sich nicht weiter darum zu kümmern, ob er irgendwelche Wirkungsmöglichkeiten in seiner Seele hat. Eine Regierung hat einen zum Rat gemacht, mit t geschrieben, nicht zum fünften Rad am Wagen, mit weichem d geschrieben. Also man braucht von außen kommende Möglichkeiten. In der Zukunft wird man ein wirklich unmittelbares Verhältnis von Mensch zu Mensch brauchen. Niemand wird sich das erwerben, der nicht seine menschlichen Geisteskräfte in entsprechender Weise ausbildet. Diese entsprechende Weise ist die durch die Geisteswissenschaft. Wenn Sie zum Beispiel meine «Geheimwissenschaft» lesen, so können Sie das lesen, was darinnensteht, Sie können das, was darinnensteht, dem Inhalte nach aufnehmen. Wenn Sie das dem Inhalte nach aufnehmen, so daß Sie es dann gedächtnismäßig ganz gut hersagen können, dann fände ich es fast nützlicher, Sie lesen ein Kochbuch, oder wenn Sie nicht gerade zufällig Frauen sind, irgendeine Abhandlung über Tarifverträge oder dergleichen; es wird nützlicher sein, als wenn Sie meine «Geheimwissenschaft» lesen. Diese «Geheimwissenschaft» hat nur dann bei der Lektüre ihre Bedeutung, wenn durch die besondere Formung der Gedanken - welche die Menschen so ärgert, daß sie es ablehnen, sich mit dem, was sie «schlecht stilisiert» nennen, zu befassen — diese Art zu schreiben und zu denken erzieherisch wirkt auf die ganze Seelenverfassung, wenn das Wie, nicht das Was die Seele gestaltet. Wer so die «Geheimwissenschaft» - es kann natürlich auch ein anderes Buch sein — auf sich wirken läßt, dann ins Leben geht, der wird sehen, daß er tatsächlich sein innerliches Schauen verstärkt hat, so daß ihm Menschenkenntnis daraus wird. Es wird etwas ganz anderes aus den Dingen als ein bloßes schulmäßiges In-sich-aufgenommen-Haben der Sache! Heute hat man, wenn man ein Buch gelesen hat, die Vorstellung, man habe das Nötige getan, wenn man den Inhalt in sich hat, das heißt, ihn so in sich hat, daß man eventuell ein Examen ablegen kann. So sind geisteswissenschaftliche Bücher niemals gemeint. Da ist das Wesentlichste nicht dann getan, wenn man den Inhalt an den Fingern herzählen kann, sondern da ist das Nötige erst getan, wenn die Dinge übergegangen sind in die ganze Seelenkonstitution, in die ganze Seelenverfassung, wenn man sich dadurch für das Leben geeignete Seelenkräfte herangebildet hat.

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