Zwölfter Vortrag

GA 196/1920-02-08/p019 ·1920-02-08 · original (original)
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In den verschiedensten Formen habe ich das seit Jahrzehnten immer wieder und wiederum gesagt. Es wird aber deshalb doch über weite Kreise für die Hauptsache gehalten, daß man nun weiß: Der Mensch besteht aus dem und dem, es gibt wiederholte Erdenleben und so weiter. — Das ist aber nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, daß durch diese ganze Art zu denken im Menschen etwas erfaßt wird, was durch nichts anderes im Menschen erfaßt werden kann. Und das, was so vom Menschen erfaßt wird, das muß da sein. Wird es nicht da sein, dann werden alle die gutmeinenden Leute, die zum Beispiel sagen: Ein Christentum muß es immer geben -, die werden nichts erreichen. Denn ebensowenig wie Sie aus einem nichtmagnetischen Stück Eisen Magnetismus herausgewinnen können, ebensowenig können Sie, wenn nichts anderes eintritt, aus dem, was aus den Europäern wird, ein Christentum herausschlagen. Das kann traditionell bleiben eine Zeitlang; aber die Leute werden aus Unwahrhaftigkeit die Tradition annehmen. Worum es sich handelt, ist, daß etwas in den Seelen ergriffen werden muß, was zu einem neuen Verständnis des Mysteriums von Golgatha führt, und damit zu einem neuen Verständnis des ganzen Christentums. Es hat im Altertum der vorchristlichen Zeit, wie ich heute auch schon erwähnt habe, eine ausgebreitete, großartige, bewundernswürdige Urweisheit gegeben, und wer die heidnische Weisheit bewundern will, der tut recht, und wer die heidnische Weisheit auch in den Zeiten bewundern will, in denen sie bereits anklingt an das Christliche, der tut noch mehr recht. Die ersten christlichen Kirchenväter waren eigentlich gescheiter, viel gescheiter als ihre jetzigen Nachfolger. Ihre jetzigen Nachfolger verbieten das Lesen der anthroposophischen Schriften. Wie Sie wissen, ist es den Katholiken verboten durch die Verfügung der Kongregation des Heiligen Offiziums in Rom seit dem 18. Juli 1919. Die ersten christlichen Kirchenväter aber haben gesagt: Das, was man jetzt Christentum nennt, war immer da, nur in anderer Form, und Heraklit und Sokrates und Plato waren vor dem Mysterium von Golgatha in ihrer Art Christen. - Das ist natürlich für die heutigen Mitglieder der römischen Index-Kongregation eine außerordentlich ketzerische Bemerkung, trotzdem sie von echten Kirchenvätern herrührt, sehr ketzerisch! Und dennoch muß man sagen: Es entscheidet sich etwas. Diese Verfügung der römischen Index-Kongregation, das Lesen der anthroposophischen Bücher sei für die Katholiken zu verbieten, ist eigentlich die richtige Konsequenz der römisch-katholischen Entwickelung, der Entwickelung der römisch-katholischen Kirche, und man muß einsehen, daß eben eine neue Geistesströmung kommen muß, die das Christentum neu begreift.

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Cite: GA 196/1920-02-08/p019 · edition original