Zwölfter Vortrag

GA 196/1920-02-08/p023 ·1920-02-08 · original (original)
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Sagen Sie wirklich nicht: Dazu ist nicht Zeit. — Es ist nämlich auch etwas, was man hören kann, daß gesagt wird: Der Mensch ist heute so beschäftigt, so unendlich beschäftigt, daß er ja nicht Zeit hat, aufzublicken zu diesen geistigen Wahrheiten. — Ich möchte Ihnen zusammenrechnen, wieviel Schwatz abläuft bei «Five o’clock teas», bei «Jausen», bei «Nachmittagstees», bei «Frühschoppen», in gewissen Gegenden beim «Dämmerschoppen» - solche gibt es ja auch -, beim «Skatklopfen» und andern Dingen, und Sie würden sehen, daß eine erkleckliche Summe von Zeit herauskommt, in der die Menschen Gelegenheit haben würden, wenn sie wollten, sich bekanntzumachen mit dem, was der Menschheitsentwickelung ungeheuer notwendig ist für die Zukunft. Es liegt nicht an der Zeit, es liegt an der Lässigkeit der Menschen, an der Schläfrigkeit der Menschen. Die Encephalitis lethargica tritt jetzt äußerlich in einzelnen Fällen auf; die Seelen sind längst von ihr befallen im weiten Umkreise der Menschheit. Die Schlafkrankheit der Seelen ist eine sehr verbreitete Epidemie. Denn dasjenige, um was es sich zuletzt handelt, ist, den Willen zu haben, seine geistigen Kräfte in Bewegung zu setzen. Wenn man heute an der Universität studiert - mit geringen Ausnahmen, die an den Fingern herzuzählen sind —, braucht man sein Denken eigentlich wirklich nicht anzustrengen. Es wird einem eine gewisse Summe von zum großen Teile Experimentalergebnissen vermittelt, man kann das aufnehmen. Die Denkkraft braucht man dabei nicht in Bewegung zu setzen. An die Stelle dieser Bildung muß aber treten, daß die Denkkraft wiederum beweglich wird, daß die ganzen Seelenkräfte beweglich werden, daß Emsigkeit des inneren Seelenlebens an die Stelle von Lässigkeit und Schläfrigkeit trete. Man kann sehr tätig sein im äußeren Leben und ungeheuer schläfrig sein in seinem Seelenleben. Aber das muß in der Menschheitsentwickelung aufhören. Daß es aufhört, das ist eine wirklich tief, tiefgehende Notwendigkeit. Heute sagen Leute: Zunächst muß die Menschheit Brot haben. - Gewiß muß sie Brot haben. Aber wenn nicht daran gedacht wird, die Einrichtung aus dem Geistigen heraus so zu treffen, daß dieses Brot auch morgen erzeugt werden kann, dann wird man eben nur dasjenige essen, was die Erde noch vorherhergibt, und man wird morgen und übermorgen kein Brot haben. Daß man heute noch Brot hat, das geht noch eine Weile mit den alten Gedanken. Aber man wird übermorgen - bildlich gesprochen selbstverständlich - kein Brot haben, wenn man nicht die Institutionen der Erde aus einer neuen Geistigkeit heraus treiben wird.

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Cite: GA 196/1920-02-08/p023 · edition original