Siebenter Vortrag

GA 197/1920-07-30/p004 ·1920-07-30 · original (original)
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Dagegen muß etwas anderes als zweites Faktum klarliegen: daß wir dieses Materielle, das irrtümlicherweise der Materialismus in der Außenwelt sucht, in unserem eigenen Inneren finden und daß wir es gerade dann finden, wenn wir im einseitigen abstrakten Sinn Mystiker werden. Denn dasjenige, was aufsteigt in unserem Bewußtsein als Inhalt einer gewissen Mystik, dasjenige was wir da zu erleben glauben, ist nichts anderes als, ich möchte sagen, die Flamme, die innerlich angezündet wird durch unsere materiellen organischen Prozesse. Und derjenige denkt eigentlich richtig, der die Mystik des Tauler, des Meister Eckhart so auslegt, daß diese Geister mit einer besonderen inneren Erlebnismöglichkeit das Materielle in ihrem Inneren, so wie es sich entzündet zur Bewußtseinsflamme, zu interpretieren wußten und daß sie durch Mystik das Materielle fanden. Ehe man nicht weiß, daß man durch äußere Beobachtung nur das Phänomenale, die Maja, und durch innere Beobachtung nur Materielles und seine Flamme findet, kommt man nicht zu einer wirklichen Klarheit vom Wesen der Welt und vom Stehen des Menschen in der Welt. Wir dürfen nicht in der Außenwelt durch Naturwissenschaft das Materielle suchen, wir müssen innerlich durch Mystik das Materielle suchen; denn da sind seine Gesetze. Wer das Wesen der Schwerkraft suchen will, soll es nicht suchen durch die Atwoodsche Fallmaschine, sondern er soll versuchen — sagen wir in seinem zweiunddreißigsten Lebensjahre, es kann ja auch ein anderer Zeitpunkt sein —, zu einem innerlichen Bewußtsein zu kommen von der Schwerkraft, so daß er aus innerem Erlebnis heraus weiß, was es heißt, Schwere wirklich zu erleben. Er soll durch inneres konkretes Erleben erfahren lernen, wie man vom dreißigsten bis zum vierzigsten Jahr innerlich immer schwerer und schwerer wird, wie man innerlich erlebt eine Eigenschaft des Materiellen, die sich nur ausdrückt in demjenigen, was mystisches Bewußtsein ist. Und ich habe versucht, dasjenige, was da in Betracht kommt, dadurch zu interpretieren, daß ich sagte: Wenn man so drinnensteht im Chaos eines Planeten, wie die heutigen Wissenschafter drinnenstehen, so kann man einen klaren Begriff über diese Dinge gar nicht gewinnen. - Wir sehen dasjenige, was da ist als Pflanzen und Tiere, als Wolkendecke; wir sehen, was die Sterne als ihren Glanz auf uns herabwerfen, sehen Flüsse und Berge und Täler und so weiter. Aber all das kommt gar nicht in Betracht, wenn zum Beispiel beobachtet würde schon vom Mars herunter, was auf unserer Erde ist. Ein Marsbewohner, der durch ein wie immer geartetes Instrument unsere Erde beobachten würde — man könnte sich denken, wie es in Wirklichkeit ja auch ist, wenn auch in anderer Art, daß der Marsbewohner so organisiert ist, daß er die Erde beobachten kann -, der würde nichts wahrnehmen von demjenigen, was wir sehen an Wolkenbildungen, Flüssen und Bergen, von den Erscheinungen des mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reiches; dasjenige was er wahrnehmen würde auf unserem Planeten, das würde im Inneren der Häute der auf der Erde lebenden Menschen sich abspielen. Alles übrige würde vor dem Anblick des Marsbewohners verschwinden. Das allein, was im inneren des organischen Lebens der Menschen vorgeht, würde er wahrnehmen; denn das würde er als materielle Welt der Erde empfinden. Und wenn man dieses innerlich Mystische sich zum Bewußtsein bringt, so ist es nicht dasjenige, was viele Mystiker glauben, sondern es ist die Flamme, die gekocht ist in unserem Inneren. Das ist der Ort, wo man die Erdenmaterie kennenlernt. Diese Art der Selbsterkenntnis führt uns in das Wesen der Materie und der Kraft, und in dieser haben die Anschauungen der Menschen des Abendlandes in den letzten Jahrhunderten gerade den entgegengesetzten Gang genommen.

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Cite: GA 197/1920-07-30/p004 · edition original