Siebenter Vortrag
Das alles aber nötigt uns, dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft an die Menschen heranbringt, in ganz anderer Weise zu betrachten, als die Dinge sonst gewöhnlich betrachtet werden. Es nötigt uns, von bloßen Theorien zu Realitäten überzugehen, überall überzugehen von dem abstrakten Verstandeswissen zur Taterkenntnis, zu demjenigen, was ein Tun ist, ein wirkliches Tun ist im Weltenzusammenhang. Denn ich habe es schon gesagt — aber es ist notwendig, daß dies mit besonderer Schärfe hervorgehoben werde -, die Leute glauben heute, der eine ist Materialist, der andere ist Spiritualist. Derjenige, der Spiritualist ist, sagt: Der ist Materialist, man muß ihn widerlegen; denn es ist nicht wahr, daß die Seele ein Produkt der Materie ist. Daher ist es falsch, was der Materialist behauptet, und es ist genügend erreicht, wenn man ihn widerlegt hat. Der Materialist ist in einem logischen Irrtum, und man muß ihn widerlegen. - Nein, darum handelt es sich nicht. Das ist keine Sache der Logik, das ist keine Sache des Theoretisierens, und man meint nur, daß Geisteswissenschaft Theoretisieren sei. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft steht überall auf dem Boden der Realitäten, wenn sie diese auch manchmal da sucht, wo sie wirklich zu suchen sind: in demjenigen, wo der Geist waltet und west. Wer die äußere Welt ansieht und überall die Materie sucht nach der Methode der neueren Molekular- und atomistischen Theoretiker, gleichgültig ob er sie ansieht als Kraftpunkte oder als kleine Klötzchen, der ist nicht bloß in einem logischen Irrtum, den man zu widerlegen hat. Mit solchen Dingen, die bloß theoretische Begriffe sind, hat es die wahre Geisteswissenschaft nicht zu tun. Sie hat es zu tun mit Realitäten. Wer in der äußeren Welt etwas anderes sucht als Phänomene, ist auf dem Wege nicht bloß zu einem logischen Irrtum, sondern zur organischen Erkrankung seines ganzen Wesens. Und man muß nicht sagen, die Verfolgung dieses Weges ist ein logischer Irrtum, sondern man muß sagen, derjenige, der so sucht, ist auf dem Wege zur organischen Erkrankung, auf dem Wege zum Schwachsinn. Das ist es, daß wir vielfach auf dem Gebiete der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft umwandeln müssen die Dinge, die theoretisch gemeint sind, in solche, die real gemeint sind. Das Erklären auf geistigem Gebiete hat es nicht zu tun mit dem bloßen Zustimmen oder Widerlegen, sondern hat es zu tun mit dem, was Gesundheit und Krankheit, was Realitäten im Leben sind. Und so müssen wir sagen: Wer so sucht, daß er in den Phänomenen nicht bloß die Phänomene, sondern die Materie sucht, der ist auf dem Wege zum Schwachsinn, zur organischen Erkrankung. Das ist etwas, was innerhalb der Wirklichkeit verläuft.
Cite:
GA 197/1920-07-30/p007 · edition original