Erster Vortrag
Nun muß man aber fragen: Was sollte denn da geheilt werden, was war denn da zu heilen? — Heute, in der Zeit des Materialismus, spricht man von Krankheit, wenn am Menschen durch äußere materielle Vorgänge oder durch sein Verhalten in der sinnlichen Welt irgend etwas Abnormes zu bemerken ist. Auch dieser, man möchte sagen materialistische Begriff von Krankheit, auch er ist im Grunde genommen erst ein Produkt der neueren Entwickelung der Menschheit, ein Produkt der nachgriechischen Zeit. Denn in jenem Griechenland, in dem eine aufgewecktere, für die Welt empfänglichere Menschheit wohnte, als die spätere Menschheit es ist, war im Grunde genommen noch jener Begriff von Krankheit, und namentlich Krankheitsmöglichkeit, vorhanden, der allen Zeiten eigen war, die weiter zurückliegen als etwa zwei, drei vorchristliche Jahrhunderte. Man muß solche Dinge, damit sie verstanden werden, damit man nicht ihre eigentliche Bedeutung doch überhöre, man muß solche Dinge etwas radikal sagen. Die Grundanschauung in älteren Zeiten war, daß eigentlich die ganze Menschheit fortwährend die Anlage zum ständigen Kranksein mit sich herumträgt. Alle Menschen sind im Grunde genommen fortwährend mit Krankheitsanlagen in der Welt herumgehend — das ist im Grunde die Anschauung gewesen. Alle Menschen sind wenigstens der vorbeugenden Heilung bedürftig; man muß fortwährend heilen an der Menschheit, das war die Meinung. Vielleicht wird man am besten verständlich in diesen Sachen, wenn man diese Meinung vergleicht mit einer, die uns insbesondere heute aus unseren sozialen Verhältnissen und sozialen Forderungen häufig entgegentritt. Wir sehen heute auftreten viele Menschen, welche sich berufen fühlen, agitatorisch zu sprechen von dem, was der Menschheit, sagen wir, in sozialer Beziehung oder in anderer Beziehung notwendig ist, damit sie einer besseren Zukunft entgegengehe. Diese Menschen schildern ungefähr dasjenige, was erreicht werden würde, wenn ihre Ideen zur Geltung kommen, als eine Art Paradies auf Erden. Man sagt wohl auch, das Tausendjährige Reich müsse nun endlich anbrechen, wenn die Ideen gewisser Menschen sich Geltung verschaffen könnten. Gewiß, es ist eine Meinung, die vielleicht das Gute will, aber aus schlechtem Verstande und aus noch schlechterer Vernunft kommt, aber es ist eine Meinung, die agitatorisch wirken kann. Und was sollte agitatorischer wirken, als wenn man den Menschen, namentlich einer materialistischen Zeit, das Paradies auf Erden verspricht! Wenn man es ihnen noch gar verspricht für die Zeit, bevor sie selber sterben, so hat man sie mit einer großen Wahrscheinlichkeit zu Anhängern.
Cite:
GA 198/1920-03-20/p004 · edition original