Erster Vortrag

GA 198/1920-03-20/p005 ·1920-03-20 · original (original)
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Demgegenüber wird ja schwer aufkommen, wenn so etwas auftritt wie die Idee von der «Dreigliederung des sozialen Organismus», die nicht von dem Paradies auf Erden spricht, sondern von dem, was lebensfähig als sozialer Organismus ist, was leben kann. Gegenüber dieser Anschauung, die es ja involviert, daß ein solches Paradies auf Erden möglich sei, daß eine allgemeine, ideal wirkende Gesundung der Menschen durch bloße Einrichtungen auf dem physischen Plane sich herstellen lassen könne, gegenüber dieser Meinung steht mit einer ganz anderen Empfindungsfärbung da jene Meinung in alten Zeiten, die ich versuchte, Ihnen zu charakterisieren, indem ich sagte, diese Meinung ging dahin: Alle Menschen, insofern sie hier auf dem physischen Plane leben und wirken, sind bis zu einem gewissen Grade mit Krankheitsanlagen behaftet und bedürfen fortwährend der Heilung. - Denn diese Anschauung fußte auf dem Folgenden. Sie sagte: Hier in der physischen Welt kann der Mensch dasjenige tun, was zu Einrichtungen auf diesem physischen Plane führt. Der Mensch kann dasjenige tun, was seine Wirtschaft besorgt, was sein Recht besorgt und so weiter. — Aber wenn alles das, was so besorgt wird, nur durch seine eigene Kraft fortläuft, wenn nichts hineinwirkt als dasjenige, was sich auf die äußeren Institutionen des physischen Planes bezieht, dann wird der soziale Organismus der Menschheit immer kränker und kränker. Man kann nämlich gar nicht durch äußere Maßnahmen einen gesunden sozialen Organismus hervorrufen, sondern nur einen solchen, der immer kränker und kränker wird. Damit er das nicht werde, hat man nötig, parallel gehen zu lassen den Maßnahmen, die für die physische Welt getroffen werden, geistiges Leben. Und dieses geistige Leben wirkt so, daß es gewissermaßen die Krankheitskeime, die sich fortwährend in dem Menschen erzeugen, paralysiert. Jede Erkenntnis, so dachte man, die nicht darauf hinausläuft, das sich fortwährend bildende Gift der sozialen Ordnung zu resorbieren, jede solche Erkenntnis ist ein Unding in der Menschheit. Erkenntnisprozeß ist Heilungsprozeß. Und würde, so dachte man in alten Zeiten, die Erkenntnis für irgendeine Epoche ganz aussetzen, dann würde der soziale Organismus in Krankheit verfallen. Daher bezeichnete man erkennende Kraft von vornherein als heilende Kraft; und erst im Laufe der Zeit haben sich abgesondert von dem Mysterienerkenner — der zu gleicher Zeit Führer der sozialen Ordnung, Arzt und Priester war — der Arzt, der Lehrer, der Priester und so weiter. Das hat sich alles erst aus dem herausdifferenziert, was gemeinsam in dem Menschen lebte, der jene Erkenntnis in sich besaß, die zu gleicher Zeit durch ihre Eigenart die Medizin der Menschheit war. Man hat sich auch in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung viel, viel weniger mit einzelnen Krankheiten befaßt als heute. Man hatte über diese einzelnen Erkrankungen seine besonderen Ansichten, die man dem heutigen Menschen gar nicht einmal sagen darf, denn sie verletzen sein Gefühl, sie kommen ihm grausam vor. Aber dafür war dasjenige, was man trieb, was man versuchte zu schöpfen aus tiefen Erkenntnisquellen, gedacht als soziale Medizin.

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Cite: GA 198/1920-03-20/p005 · edition original