Erster Vortrag
Solch eine Anschauung konnte allerdings nur vorhanden sein mit ihrer ganzen Kraft in einer Zeit, in der der Mensch anders zu sich selbst stand als heute. Wir haben es ja öfters besprochen, daß der Intellektualismus, der heute insbesondere auch im Erkennen herrscht, im Grunde genommen auch nur, so wie er heute herrscht, in dieser Form zwei, drei, vier Jahrhunderte alt ist. Dieser Intellektualismus, der sein Ideal in durch abstrakte Gedanken wahrzunehmenden Naturgesetzen sieht, der greift nicht ein in die menschliche Persönlichkeit. Ich habe es Ihnen öfters charakterisiert, wie dieses Nichteingreifen sich darstellt. Stellen Sie sich einmal den heutigen Studenten irgendeiner Wissenschaft vor, irgendeines Wissenschaftsgebietes an einer unserer gebräuchlichen Lehranstalten über die ganze zivilisierte Welt hin. Es ist so, daß man sagen muß: Dieser Student sitzt da, er hört nur mit seinem Kopf, mit seinem Verstande, mit seinem Intellekt dasjenige an, was ihm vorgebracht wird, sieht dasjenige an, was ihm vorexperimentiert wird; aber in einem sehr geringen Grade ist sein Gemüt, sein Herz, sein ganzer Mensch beteiligt bei dem, was da vorgebracht wird. Das war bei der alten Mysterienweisheit nicht so. Da konnte man nicht in dieser Weise gleichgültig bleiben. Da war alles, was auf den Kopf wirkte, was auf den Intellekt wirkte, zu gleicher Zeit den ganzen Menschen ergreifend, das war Gemüt und Willen erfassend, das war so, daß man eben als ganzer Mensch dabei sein konnte. Durch das abstrakte Denken, durch das abstrakte Naturforschen ist auch unser Leben abstrakt geworden, so abstrakt geworden, daß der Mensch heute kaum ein Organ hat, dasjenige noch im rechten Lichte zu sehen, was verbunden war mit dem ganzen sozialen Leben einer alten Menschheit. Wir haben öfters auch hier schon gesprochen von dem, was man im hebräischen Altertum den unaussprechlichen Namen des Gottes genannt hat, der dann in der Folge aussprechbar wurde, in der Lautfolge J-A-H-V-E. Warum war dieser Name unaussprechlich? Weil, wer ihn in jenen alten Zeiten aussprach, durch die Gewalt der Laute die alltägliche Gesinnung, das alltägliche Bewußtsein abgedämpft erhielt. Eine andere Welt stand vor ihm auf, und gefährlich war es, den Namen auszusprechen, weil die gewöhnliche Besinnung schwinden mußte. Es war tatsächlich so, daß der Mensch fühlte: Wenn dieser Name vibriert durch seine Leiblichkeit, dann ist er als Mensch in eine andere Welt entrückt, in eine Welt, in der andere Dinge vorgehen als in dieser physischen Welt. — Das ist eine Seelenverfassung des Menschen, von der der heutige Mensch keine Ahnung mehr hat, von der er nichts wissen kann. Denn eine Lautzusammenstellung hat heute nicht jene erschütternde Wirkung, die sie einstmals hatte.
Cite:
GA 198/1920-03-20/p006 · edition original