Zweiter Vortrag

GA 198/1920-03-21/p021 ·1920-03-21 · original (original)
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Ich will Ihnen nur ein kleines niedliches Beispielchen sagen: Es war 1866, da sagte man, dasjenige, was dazumal geschehen war — der Sieg Preußens über Österreich -, der sei ein Beweis für die Vorzüglichkeit der preußischen Schulen, und das Sprichwort kam auf: 1866 hat der preußische Schulmeister gesiegt. -— Das hat man immer wieder und wiederum wiederholt. Und es würde interessant sein, zusammenzuziehen, wie oft von 1870 ab bis 1914 von allen möglichen berufenen, aber namentlich unberufenen Leuten der Satz wiederholt worden ist: Die preußischen Siege hat der preußische Schulmeister errungen. — Ich glaube, man wird jetzt nicht irgendwie ein ähnlich geartetes Sprichwort an die Stelle setzen, und die Wahrheit des anderen will sich jetzt nicht mehr so recht behaupten lassen gegenüber den Ereignissen, die nunmehr eingetreten sind. Aber im Zeitalter des Intellektes, wo man ganz gescheit ist, da merkt man nicht gerne die Widersprüche, die sich im Leben zeigen. Die Tatsachen spielen ja in ein intellektuelles Leben wenig herein; aber diese Tatsachen, sie werden mässen hereinspielen, wenn das rein Intellektuelle wiederum durchtränkt wird mit geistigem Inhalt. Dann aber wird sich eben zeigen, wie in die Menschheit hereinkommt gerade ein Ablähmungs-, ein Dekadenzprozeß und wie der durch eine neue geistige Erkenntnis überwunden werden muß. Man kann sagen: Die Alten haben gespürt, empfunden in ihrer Erkenntnis, die aus dem physischen Leibe aufkochte, das Heilende. In Zukunft wird die Menschheit sich gewöhnen müssen, in der Ausbildung des Intellektes das Kränkende, das Krankmachende zu erkennen, um die Notwendigkeit zu empfinden, aus dem Geiste herauszuholen das Heilende. Wieder muß werden die Wissenschaft ein Quell des Heilens. Aber aus einer entgegengesetzten Ecke wird die Nötigung kommen, aus der Ecke, die zeigt, daß das äußere Leben, gerade wenn es in der Erkenntnis vorschreitet, ein die Menschheit krankmachendes ist, dem eben das Heilprinzip entgegengestellt werden muß.

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Cite: GA 198/1920-03-21/p021 · edition original