Vierter Vortrag
Man sollte sich eigentlich heute doch gestehen, ganz ernst und ehrlich gestehen, daß es schwierig ist, in die ganz andersartigen Vorstellungen sich hineinzuleben — anders gegenüber den heutigen -, die sich in den Evangelien und in den Paulusbriefen befinden. Aber man ist gewohnt worden, mit solchen Vorstellungen gar nicht mehr zu rechnen. Im Grunde genommen liegt es dem Menschen, der ganz durchdrungen ist mit den Vorstellungsgewohnheiten der Gegenwart, sehr, sehr ferne, sich bei Paulusworten das Richtige zu denken. Bemüht sich doch selbst eine große Anzahl der heutigen Theologen, das Ereignis von Damaskus so materialistisch als möglich aufzufassen; ja, es bemüht sich eine Anzahl von Theologen, indem sie noch vorgeben, wirkliche Christen zu sein, sogar darum, die wirkliche Auferstehung des Christus Jesus abzuleugnen! Damit bezeugen diese Persönlichkeiten nur, daß sie eben nicht geneigt sind, irgendeine Erkenntnis des Übersinnlichen auf das Wesen des Christentums, auf die Erscheinung des Christus Jesus innerhalb der Erdenentwickelung anzuwenden. Es ist wie eine Aufforderung an den Menschen, zur übersinnlichen Erkenntnis seine Zuflucht zu nehmen, daß die Gestalt des Paulus gewissermaßen an der Spitze der christlichen Tradition steht, daß also die Gestalt eines durch übersinnliche . Erlebnisse zum Verständnisse des Christentums Gekommenen dasteht. Es ist gewissermaßen das die Aussage darüber, daß das Christentum zu verstehen unmöglich ist, wenn man nicht zu Erkenntnissen seine Zuflucht nimmt, die aus den Quellen des Übersinnlichen geschöpft sind. Notwendig ist es, die Gestalt des Paulus als die eines in die übersinnlichen Weltenzusammenhänge Eingeweihten aufzufassen. Notwendig ist es, das, was er sich bemüht hat der Menschheit beizubringen, in diesem Lichte zu sehen.
Cite:
GA 198/1920-04-02/p014 · edition original